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10. Mai 2007

Adenauer und die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik

Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz

Zusammenfassung

Mißtrauisch nach allen Seiten
Konrad Adenauer aus dem Blickwinkel seines Biographen Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz

Er hat viel über den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland (1949-1963) geschrieben, zuletzt eine zweibändige Biographie. Am 10. Mai 2007 näherte sich der emeritierte Bonner Professor Hans-Peter Schwarz in einer Vortragsveranstaltung der Gesellschaft für Außenpolitik mit dem Thema "Adenauer und die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik" erneut dem von ihm bevorzugten Objekt der Beschreibung. Kurzes Fazit seiner Darstellung: Konrad Adenauer war kein Idealist, kein europäischer Träumer, sondern ein knallharter Realpolitiker, der sich nicht mit Worten einlullen ließ, sondern niemandem so recht über den Weg traute. Überdies war er, so Prof. Schwarz, "ein stolzer Bürger, kein Junker und kein Preuße, sondern ein bissiger Rheinländer und katholischer Demokrat". Adenauer habe als Kanzler eines ohnmächtigen Staates begonnen, so habe er kein Bismarck sein können, "der drei Kriege führte, um Deutschland groß zu machen". Und nicht zuletzt sei Adenauer ein beweglicher Geist gewesen, "ein Erzbürger, der zum außenpolitischen Revolutionär wurde".
Der Referent sah während Adenauers Kanzlerschaft drei gefährliche Phasen: die Blockade Berlins durch die UdSSR (1948), Stalins Tod (1953) und Berliner Ultimatum (1958). Das habe sich bei Adenauer zu dem Albtraum verdichtet, Deutschland könnte Schauplatz eines neuen Krieges werden. So habe er sich Stalins Angebot einer Neutralität für Gesamtdeutschland (1952) widersetzt, die ideologische Aggressivität Moskaus abgewehrt und alles getan, um einen möglichen Zerfall der westlichen Gemeinschaft zu verhindern. Laut Prof. Schwarz haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg zwei neue Gleichgewichtssysteme entwickelt: das des Kalten Krieges sowie ein innerwestliches, von den USA dominiertes, in dem jedoch auch Großbritannien und Frankreich um Einfluss gerungen hätten. In diesem System habe sich Adenauer als Praktiker, nicht als Theoretiker der Gleichgewichtspolitik bewegt. Im Kalten Krieg seien nicht nur die widerstreitenden Interessen der beiden Supermächte zum Ausdruck gekommen, sondern auch das Streben kleinerer Mächte wie Großbritannien und Frankreich, sich im Machtspiel der Großmächte zu behaupten. "Kühl bis ins Herz hinein" habe Adenauer die Eitelkeiten und Großmachtallüren der anderen betrachtet.
Auf Adenauers Haltung gegenüber der Sowjetunion eingehend, meinte Prof. Schwarz, beim Kanzler seien zwei Russlandbilder zusammengeflossen: die Erinnerung an die "russische Dampfwalze" (die in der "Kaiserzeit" die Menschen erschreckt hatte) und die Vorstellungen, die über das "bolschewistische Russland" in Umlauf waren. Adenauer habe "Asien an der Elbe" gesehen und geglaubt, nur die USA und Bündnisse mit ihnen könnten die Bedrohung abwehren. Der Kanzler habe Russland aber nicht als Erbfeind gesehen, wohl aber als Feind und Gefahr. Dass er 1955 durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Moskau eine Art Arrangement mit der UdSSR gesucht habe, sei von den Westdeutschen mit Entsetzen aufgenommen worden.
Als Konstante des Denkens und Verhaltens Adenauers machte Prof. Schwarz dessen "Misstrauen nach allen Richtungen hin" namhaft; es habe auch den USA und deren globalen Interessen gegolten. Adenauer sei nicht als Bewunderer der USA angetreten, aber er habe geglaubt, dass ohne deren Beistand Europa verloren wäre. Noch kurz vor seinem Tod habe sich der Ex-Kanzler in scharfer Weise über die amerikanische Politik geäussert. Was Adenauers Verhältnis zu Frankreich anging, so ist es nach Ansicht des Referenten erst nach der Schlappe der französischen Streitkräfte im Suez-Krieg von 1956 in Schwung gekommen. Das militärische Desaster habe Paris gezeigt, dass es doch nicht so einflussreich und mächtig sei wie selbst vermutet. Von da an habe der Kanzler begonnen, sich in der Außenpolitik mehr mit Paris, weniger mit Washington abzusprechen, von dem angenommen wurde, dass es nicht immer europakonform entscheiden werde. So habe Adenauer als ein Außenpolitiker begonnen, der ganz auf die USA setzte, und er habe aufgehört als einer, der die enge Abstimmung mit Frankreich gesucht habe.
Das Scheitern der EVG im französischen Parlament (1954) hat nach Meinung des Referenten Adenauers Sinn.