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8. März 2005

Afghanistan als Brennpunkt des Islam und geostrategischer Interessen

Paul Bucherer, Leiter des Afghanistan-Instituts, Schweiz

Zusammenfassung

Ein neues „Great Game“?
Die Zukunft Afghanistans im Schatten der Großmächte

Der Leiter des Schweizer Afghanistan-Instituts in Basel, Paul Bucherer, sprach am 8. März 2005 vor der Gesellschaft für Außenpolitik in München über das Thema „Afghanistan als Brennpunkt des Islam und geostrategischer Interessen“. Der Referent erinnerte an das als „Great Game“ in die Geschichtsschreibung eingegangene Machtgerangel im 19. Jahrhundert zwischen Russland und Großbritannien um die Kontrolle in Mittelasien und den benachbarten Regionen. In der Tatsache, dass den beiden Mächten eine Kolonialisierung Afghanistans damals nicht gelungen sei, sah der Referent ein wichtiges Element der weiteren Entwicklung in der Region und im Islam. So habe Afghanistan manches bewahrt, was anderswo unter dem Eindringen europäischer Mächte nicht bewahrt werden konnte, darunter sein Selbstbewusstsein.

Dass es auch der Sowjetunion in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht gelang, sich dauerhaft in Afghanistan festzusetzen und diesem sein politisches System überzustülpen, führte Bucherer ebenfalls auf den starken Traditionalismus der Afghanen zurück, die sich jedoch offen zeigten für das Eindringen der sich Taliban nennenden Koran-Studenten aus Pakistan unter Führung des Mullahs Mohammed Omar. Die Taliban konnten in den 90er Jahren den größten Teil des Landes an sich bringen und die Kriege unter den einstigen antisowjetischen Widerstandsgruppen (Mudschaheddin) beenden. Das von ihnen errichtete radikal-islamische Regime bot islamischen Terroristen Unterschlupf. Bucherer zeichnete den Weg nach, auf dem der Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden sich in Afghanistan festsetzen konnte: zunächst als Unterstützer der Mudschaheddin, dann als Anhänger der Taliban, der die Funktion eines wahabitischen Missionars ausübte, und schließlich als Schwager Omars. Dass seine Terrorgruppe sich zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington bekannte, brachte allerdings auch die Amerikaner nach Afghanistan, die sich nach dem Urteil Bucherers dauerhaft dort und in Pakistan einrichten werden. Der Grund dafür seien in erster Linie die in Turkmenistan entdeckten großen Erdöllager sowie die Gasvorkommen im Norden Afghanistans. Dies begründe einen Interessenkonflikt zwischen den USA und Russland um Ausbeutung und Transport dieser Rohstoffe. Strebten die Russen eine Vermarktung über ihr Territorium an, so versuchten die Amerikaner einen Transportweg nach Süden über Afghanistan, Pakistan und Indien zu öffnen. Diese Rivalität könne durchaus zu einem neuen „Great Game“ führen – mit einem wie immer ungewissen Ausgang.

In der Diskussion wurden die eher positiven Anmerkungen des Referenten über die innere Situation Afghanistans und vor allem über die Lage der Frauen in Zweifel gezogen. Auch sei eine Zunahme der Patriarchen-Herrschaft zu beobachten. (Die Veranstaltung wurde vom 1. Vorsitzenden der Gesellschaft für Außenpolitik, Dr. Horst Mahr, moderiert.) (Text: Josef Riedmiller)