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13. Juni 2006

Afrika – quo vadis?

Prinz Asfa-Wossen Asserate

Zusammenfassung

Afrika zwischen Hoffen und Bangen
Prinz Asfa-Wossen Asserate verlangt vom Westen einen außenpolitischen Kurswechsel gegenüber Afrikas Staaten

Der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate referierte am 13. Juni 2006 in München vor der Gesellschaft für Außenpolitik über das Thema "Afrika - quo vadis?" Der in Frankfurt/Main lebende Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten hielt eine scharfe Philippika gegen die europäischen Kolonialmächte und die USA und forderte sie dann auf, in einem Akt der Wiedergutmachung ihre Außenpolitik gegenüber Afrika zu ändern. Darunter verstand er einen Verzicht auf Subventionen für die heimische Landwirtschaft, die Afrika Einkommensverluste in Höhe von 20 Milliarden Dollar jährlich zufügten, sowie die Nichtanerkennung von Regimen, die sich durch gewaltsamen Sturz gewählter Regierungen etablierten. Ferner verlangte Prinz Asserate einen verstärkten Einsatz der USA und Europas für die Beachtung der Menschenrechte in Afrika.

Der Referent wies die Verantwortung für Armut und Elend in Afrika aber nicht allein den Kolonialmächten und den USA zu, sondern sah Gründe dafür auch im Verhalten der Afrikaner selbst. So sei deren "Potential an Korruption und Nepotismus nicht zu unterschätzen". Ach seien Tribalismus und Kämpfe unter den verschiedenen Ethnien große Hindernisse für einen Erfolg Afrikas. Feindschaft unter den Rassen und Stämmen hätten eine zerstörerische Sprengkraft, ebenso Traditionen des Hasses. Es gebe aber auch andere Faktoren, die ein friedliches Zusammenleben der 650 Millionen Afrikaner schwierig machten, etwa die Trennung in 50 Staaten, hundert Völker und 2000 Sprachen. Hinzu kämen Grenzen, die willkürlich von den Kolonial von den Kolonialmächten festgelegt worden seien.

Aber: "Afrika ist ein reicher Kontinent, reich an Rohstoffen", beharrte der Referent. Dennoch sei er jetzt das Schlusslicht der Weltwirtschaft, bedroht von Kriegen, Katastrophen und Hunger. Drei Viertel der Bevölkerung Afrikas, so der Referent, lebten in Armut, jedes dritte Kind sei unterernährt, die durchschnittliche Lebenserwartung liege bei 48 Jahren. Der Kontinent scheine ein hoffnungsloser Fall zu sein, wer ihm helfen wolle, müsse agieren, statt immer nur zu reagieren. "Afrika geht uns alle an, wir sitzen in einem Boot", sagte Prinz Asserate. Er verwies auf den Flüchtlingsstrom aus Afrika nach Europa: "Bis jetzt sind es kleine Wellen, die an die Türen Europas kommen, es werden sicher Millionen, wenn es nicht gelingt, die Verhältnisse in Afrika zu ändern." Noch nie seien die Lebensbedingungen in Afrika so schlecht und hoffnungslos gewesen wie zur Zeit. Die Probleme Afrikas seien aber in erster Linie Probleme der Afrikaner . Sie selbst, vor allem die politischen Eliten, trügen die Hauptschuld an der Misere. Aber ganz ohne die Hilfe Europas, so Prinz Asserate, seien die Probleme nicht zu lösen. Er beschuldigte die europäischen Kolonialmächte, Afrika Jahrhunderte lang ausgebeutet und ausgeblutet zu haben. 50 Millionen Afrikaner seien als Sklaven verscherbelt oder getötet worden. Die Strukturen aus dieser Zeit wirkten noch heute nach. "Als die Kolonialmächte abzogen, hinterließen sie nur Chaos, unsinnige Grenzen und Strukturen. Auf unserer Erde sind Milliardengewinne gemacht worden, aber wir leben weiter im Elend." Der Referent sagte, den Afrikanern gehe es heute schlechter als während der Kolonialzeit. Die erste Generation der neuen (afrikanischen) Herren habe die Länder schneller ausgeplündert als die Europäer. Die Entstehung von Diktaturen sei hauptsächlich durch den Kalten Krieg verursacht worden, in dem die USA die großen Schurken hofiert hätten, um Ruhe und Stabilität in Afrika zu haben.

Prinz Asserate ging besonders auf die belgische Kolonial-Herrschaft im Kongo ein und sprach von einem Holocaust, der erst im Jahre 2000 ans Licht gebracht worden sei; 10 Millionen Kongolesen seien während der belgischen Verwaltung ums Leben gekommen, doch nach deren Ende sei das Morden und Plündern fortgesetzt worden, wobei auch multinationale Konzerne bis heute eine dominierende Rolle spielten. Im Hinblick auf die Entsendung eines Kontingents der Bundeswehr zur Sicherung der Wahlen im Kongo fragte der Referent ironisch: "Wer soll denn gewählt werden? Doch nur jene Leute, die sich die Taschen bereits vollgestopft haben!" Im Kongo gehe es um Krieg, um einen Konflikt um die Mitte Afrikas, um die Kontrolle seines Reichtums, ausgeübt durch westliche Konzerne. Prinz Asserate fügte hinzu, mehr als die doppelte Fläche Europas gelte in Afrika als "gewaltoffener Raum", soll heißen, dort kann jeder machen, was er will, wenn er die Macht dazu hat. Schrankenloser Kapitalismus und Profitgier seien verantwortlich für das Elend Afrikas. Dennoch, so der Referent, seien Zeichen der Hoffnung zu erkennen. Prinz Asserate sah sie vor allem in der positiven Entwicklung der Republik Südafrika, in dem Vertrauen, das sich durch die Veranstaltung der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika erkennen lasse.

In der Diskussion sagte Prinz Asserate, die Tatsache, dass es nur wenige afrikanische Führer gebe, "die keine Leichen im Keller haben", mache die Demokratisierung so schwierig. Es müsse dahin kommen, dass ein Sergeant, der eine gewählte Regierung stürzt, keine Hilfe mehr vom Westen erhält. (Die Veranstaltung wurde moderiert vom 1. Vorsitzenden der Gesellschaft für Außenpolitik, Dr. Horst Mahr.) (Text: Josef Riedmiller)