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20. Februar 2006

Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen in Zeiten der Globalisierung

Prof. Dr. Peter Scholl-Latour

Zusammenfassung

Europa gerät ins Hintertreffen
Eine Tour d’horizon durch den sich rasch verändernden Zustand der Welt mit Prof. Peter Scholl-Latour

Auf Einladung der Deutsch-Französischen Gesellschaft für München und Oberbayern, der Gesellschaft für Außenpolitik und der Jungen Europäer München referierte am 20. Februar 2006 der Publizist Prof. Dr. Peter Scholl-Latour im Museum für Völkerkunde über das Thema „Entwicklung und Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen in Zeiten der Globalisierung“. Nach seiner einleitenden Feststellung, die deutsch-französischen Beziehungen seien nicht mehr so interessant wie früher, wurde rasch klar, dass sich der Referent nicht allzu lange bei seinem engen Thema aufhalten würde, sondern die gesamte Welt in den Blick zu nehmen gedenke. So geschah es, und mit der Bemerkung, die Beziehungen der beiden Nachbarstaaten hätten sich im Zuge der Veränderung des transatlantischen Verhältnisses ohnehin zum Positiven gewendet, war Scholl-Latour im weltpolitischen Freien.

In seiner Tour d’horizon stellte der Referent die Frage,, ob die USA den Schutz Europas noch garantieren könnten- angesichts ihrer zahlreichen anderen Verpflichtungen. Die große Schwäche der USA bestehe darin, dass sie mit den anderen Kulturen in der Welt nicht zurecht kämen. Die „Pax americana“ scheine weniger zu funktionieren als jene erste Globalisierung unter dem Dach des britischen Empire. Die „geordnete Kolonialzeit“ der Engländer und Franzosen- das sei nicht der Stil der Amerikaner. Heute gehe der Fortschritt nicht allein von den westlichen Demokratien aus, wie die Entwicklung in Asien zeige. In Wirklichkeit herrschten die internationalen Kartelle, wogegen die volle Handlungsfreiheit der globalen Mächte abbröckele.

Nach Meinung Scholl-Latours ist die Europäische Union als Folge ihrer Erweiterung nach Osten in zwei Teile geteilt: „Polen und die anderen Oststaaten sind völlig auf die USA ausgerichtet.“ Die wirtschaftliche und geistige Ausrichtung dieser Staaten gehe nach Amerika, nicht nach Europa. Dies vor dem Hintergrund, dass die deutschen und die amerikanischen Interessen nicht mehr identisch seien wie noch zur Zeit des Kalten Krieges. Die Hauptgefahr für Europa aber scheint Scholl-Latour im rasanten Aufschwung Chinas zu sehen: „Wir sind gegenüber China ins Hintertreffen geraten.“ Der Referent nannte die Weigerung der USA, eine US-Ölfirma von China aufkaufen zu lassen, sowie den luxemburgisch-französischen Widerstand gegen eine feindliche Übernahme des Stahlkonzerns Arcelor durch den indischen Konzern Mittal ein Zeichen dafür, dass sich mehr und mehr Staaten einer fernöstlichen Aufkaufspolitik widersetzten.

Nach Scholl-Latours Urteil ist der vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ in Wirklichkeit ein Krieg gegen den militanten Islamismus. Er überschatte alles, auch die Staaten Europas. Die Rückwirkungen seien in den Niederlanden und in Dänemark zu sehen; die Staaten wehrten sich gegen den Islamismus, die muslimische Zuwanderung stelle durchaus eine Gefahr für Europa dar. Der Aufstand der muslimischen Jugend in den Pariser Vororten sei aber nicht religiös, sondern primär sozial motiviert gewesen. Die jungen Leute in den Vorstädten seien der Religion entfremdet. Außerdem: es sei unislamisch, Autos anzuzünden und Frauen zu belästigen. Was die Türken angehe, so hätten sie ihren „imperial-nationalen Stolz, plus Islam“. Was dabei herauskomme, sei ein Hass auf Amerika, wie man ihn sich kaum vorstellen könne. Aber: „Wenn nötig, können sich die USA über zwei Ozeane zurückziehen.“ Und auf Europa gemünzt: „Wir haben übersehen, dass es sich bei der Anwerbung der Türken um Menschen mit eigener Kultur, Geschichte und Religion handelte.“ Die Türkei , so Scholl-Latour, sei heute nach der erzwungenen Säkularisierung im Gefolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg „re-islamisiert“, was sich auch in der Tatsache äußere, dass mehr Moscheen als je zuvor gebaut würden. Präsident Bush’s Eingebung, den Nahen Osten zu demokratisieren, sei kaum nachvollziehbar. Wenn dort gewählt werde, komme immer Islam (Hamas, AKP in der Türkei) heraus. Scholl-Latour nannte Iran das „freieste Land in der islamischen Welt, dort sitzen Frauen im Parlament“. Der Referent mahnte eine neue europäische Orient-Politik an, gab ihr aber wenig Chancen: „Dazu braucht man Stärke, aber Europa ist zu schwach.“ Das Eurokorps komme nur schlecht voran, weil sich die osteuropäischen Mitglieder der NATO militärisch völlig nach den USA orientierten. Scholl-Latours Lob für die Entscheidung des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, Deutschland aus dem Irakkrieg herauszuhalten, würde nach dem Auftauchen neuer Erkenntnisse vielleicht weniger bewundernd ausfallen. (Die Veranstaltung wurde vom Vorsitzenden der Deutsch-Französischen Gesellschaft, Christian Klima, moderiert.) (Text: Josef Riedmiller)