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17. März 2005

Beneš und die Folgen

Jiri Gruša, Botschafter, Präsident Internationaler PEN Club

Zusammenfassung

Ein Fall, der Zeit braucht
Jiri Gruša über das deutsch-tschechische Verhältnis

Der frühere Botschafter der Tschechischen Republik in Bonn und jetzt Präsident des Internationalen PEN-Clubs, Jiri Gruša, sprach am 17. März 2005 vor der Gesellschaft für Außenpolitik in München über „Beneš und die Folgen“. Nach einem ausführlichen historischen Überblick über die Geschehnisse im böhmisch-mährischen Raum während der K.u.K-Monarchie durch den 1. Vorsitzenden der Gesellschaft, Dr. Horst Mahr, skizzierte Gruša in einem Essay Person und Wirken von Edvard Beneš (1884-1948), der als enger Mitarbeiter des tschechischen Staatsgründers Tomas Masaryk (1850-1937), als Außenminister der Tschechoslowakischen Republik (CSR) von 1918-1935, als Staatspräsident in der Nachfolge Masaryks von 1935-38 und wiederum von 1945-48 eine entscheidende Rolle in der Politik Mitteleuropa zwischen den beiden Weltkriegen zu spielen sich vornahm, sie aber in keiner Weise nach Darstellung Grušas angemessen auszufüllen vermochte. Grušas Essay geriet sogar zu einem sehr kritischen Porträt eines Mannes, der sich den hohen Anforderungen einer tückischen Gemengelage zwischen den Weltkriegen in keiner Hinsicht gewachsen zeigte- wobei allerdings zu fragen wäre, ob ein Mann mit höheren Qualitäten und besserem Durchblick als Beneš sie aufzuweisen hatte, dem Abgrund hätte entkommen können. Der zu allem entschlossene Mann aus Braunau mit dem böhmischen Hintergrund ließ, so lange er wüten konnte, seinen Gegenspielern wenig Raum für vernunftgerechtes Handeln.

So trat denn in Grušas Essay ein Mann auf die Bühne, der von allem entweder zuviel oder zu wenig hatte – zuviel Chauvinismus, zuviel Vorliebe für Pomp und Wichtigtuerei, zu wenig Realitätssinn und Kompromissbereitschaft, ein Mann mit „Königsgefühl“, das er mit Masaryk teilte. In Grušas Worten: Beneš war eine enge, in der Karriere gescheiterte Existenz, ein Streber, dem aber wenig gelang. In der Gegenüberstellung von Beneš mit dem tschechischen Historiker Frantisek Palacky (1798-1876), der 1848 nach den revolutionären Turbulenzen den 1. Slawenkongress in Prag organisiert hatte, sich aber eine Zukunft der slawischen Bürger der Doppelmonarchie in einer „Österreichischen Union“ noch vorstellen konnte, räumte Gruša ein: „Ohne die `Vorleistungen` des 19. Jahrhunderts hätte Beneš nicht `Erfolg` haben können mit seiner Politik.“

Aus Grušas Sicht verstand sich Beneš als Verwalter des Versailler Friedensvertrags von 1919, und die CSR sei ein Kind der Niederlage der Mittelmächte gewesen. „Alle hatten die Lage falsch eingeschätzt, auch Paris, und Prag sowieso.“ Am meisten aber habe Beneš der Nachbar Polen zu schaffen gemacht. Indessen: nur eine lebendige Demokratie in Deutschland hätte den Frieden in Mitteleuropa sichern können. Gruša warf Beneš vor, das Problem der Minderheiten nicht verstanden zu haben. Auch im Zweiten Weltkrieg – Beneš war nach der Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland im Oktober 1938 vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten und hatte sich nach London begeben, wo er seit 1940 Chef der Exilregierung der CSR war - habe es ihm an Durchblick gefehlt. „Seine Philosophie war eine Art Narkotikum.“ Am 16. Mai 1945 aus dem Exil nach Prag zurückgekehrt, habe sich Beneš mit der Bemerkung in Szene gesetzt, die Deutschen und Ungarn (aus der CSR) „herauszuliquidieren“. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Juni 1948 musste Beneš vom Amt des Staatspräsidenten zurücktreten, was nach Gruša einer zweiten Kapitulation (nach 1939) gleichkam; aber: die Tschechen hätten sich die Diktatur selbst ins Haus geholt. „Vielleicht hätte Beneš Malisch (Kleiner) heißen sollen“, rundete Gruša sein Verdikt über einen Politiker ab, der in seiner Zeit als Staatsmann nicht hatte bestehen können.

Der Referent hatte die Beneš-Dekrete (über die Ausweisung und Enteignung der Deutschen nach dem Krieg) mit kaum einem Wort erwähnt, obwohl doch gerade sie die Wahrnehmung dieses Politikers unter den Deutschen bestimmen; und auch in der Diskussion wurde erstaunlicherweise nur einmal darauf Bezug genommen. Vor der EU-Aufnahme der CR hätte sicher eine bessere Lösung gefunden werden können, meinte Gruša, aber die Chance sei verpasst worden, „auch durch das Verhalten Deutschlands“. Da lag der Ball wieder im deutschen Feld. „Wir brauchen Zeit und good will“, sagte Gruša zum Schluss. (Text: Josef Riedmiller)