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16. September 2008

Der georgisch-russische Krieg: Ursachen und Konsequenzen

Prof. Wladimir Awetisjan, Udmurtische Staatsuniversität, Ischewsk, Russische Föderation

Zusammenfassung

Nach dem Krieg im Kaukasus
Ein vorerst beigelegter Konflikt und neue Gefahren

Über das Thema „Der georgisch-russische Krieg – Ursachen und Konsequenzen“ sprach am 16. September 2008 Prof. Dr. Wladimir A. Awetisjan, Germanist an der Udmurtischen Staatsuniversität in Ischewsk (Russische Föderation). Der Referent bemerkte zu Beginn, um diesen Krieg zu verstehen, müsse man in die Vergangenheit Russlands und der Sowjetunion als Vielvölkerstaaten zurückblicken. Dabei treffe man unweigerlich auf die Nationalitätenfrage. Auf verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens rücke sie immer weiter in den Vordergrund. Von ihrer Lösung hänge weitgehend die Zukunft der Menschheit ab. Man könne heute behaupten, je schneller die Welt in die Globalisierung einbezogen werde, desto mehr gewinne die Nationalitätenfrage an Aktualität. Man denke nur an Afghanistan, an den Irak, die Türkei, den Kosovo, aber auch an Spanien (Baskenland), an Belgien (Flamen und Wallonen). Der georgisch-russische Krieg sei für die Georgier ein Nationalkrieg, aber ebenso empfänden die Südosseten und Abchasen ihre Konflikte mit Georgien, die dem jüngsten Krieg voraus gingen, als Nationalkriege, als Kampf um die Unabhängigkeit. Doch der georgische Überfall auf Südossetien sei pure Aggression gewesen. Die russische Antwort sei als eine Art „Gegenkrieg“ oder als „Vergeltungskrieg“ einzuschätzen.
Der Referent meinte, es lasse sich darüber diskutieren, ob es sich beim Vorgehen Russlands um eine überzogene Reaktion gehandelt habe. Es sollte dabei aber nicht übersehen werden, dass diese durch eine Aggression provoziert worden sei. Ein von Georgien verübter Genozid, wie vielfach behauptet, sei es aber nicht gewesen; ein Genozid sei vielmehr Stalins Ausrottungspolitik gegenüber verschiedenen Nationalitäten in Sowjet-Russland nennen. Das 20. Jahrhundert biete aber viele andere Beispiele für Genozid. In diesem Zusammenhang bemängelte Professor Awetisjan, dass die westlichen Medien häufig die Akzente falsch setzten und Grenzen verwischten. Nach der Schilderung einer 100 Jahre währenden Entwicklung, die zur Herrschaft Russlands im Kaukasus führte, bezog sich der Referent auf westliche und russische Historiker, die diesen Raum als Achillesferse Russlands bezeichnen. „Mag die Behauptung, der Kaukasus sei die Achillesferse Russlands, zum Teil auch stimmen, so war Russland doch immer stark genug, um seine Interessen in dieser strategisch wichtigen Region zu verteidigen“, urteilte der Referent. Es könne kein Zweifel darüber bestehen, dass Russland seine Position auch künftig halten werde. Die strategische Bedeutung dieser Region ergebe sich schon aus der Tatsache, dass sie nur 250 Kilometer von der Grenze zum Iran entfernt liege. Es sei bekannt, dass auch andere Länder diese Region im Visier hätten, darunter die USA. In diesem Zusammenhang wies Prof. Awetisjan auf die in der Folge des Konflikts zunehmenden anti-amerikanischen Emotionen in Russland hin. Die Wellen des Anti-Amerikanismus schlügen jetzt so hoch wie im Kalten Krieg. In Russland sei die Meinung verbreitet, die Amerikaner seien über den georgischen Angriff auf Zchinwali informiert gewesen, hätten aber nichts unternommen, um ihn zu stoppen. In Moskau werde sogar davon ausgegangen, dass Georgiens Präsident Saakaschwili niemals den Angriff gewagt hätte, wenn er nicht mit amerikanischer Unterstützung hätte rechnen können. Nun sehe es so aus, als ob der Konflikt auf diplomatischem Wege gelöst werden könne, da niemand in so einem heiklen Krisengebiet etwas riskieren wolle, am wenigsten Präsident Bush, der ohnehin nur noch fünf Monate im Weißen Haus bleiben könne. Der Referent verwies auch darauf, dass der Kaukasus für die Russen nicht nur ein geographischer Terminus oder ein geopolitisches Phänomen sei, sondern auch Anziehungspunkt für die russischen Schriftsteller, von denen viele (Puschkin, Lermontow, Tolstoj, Tschechow, Pasternak) von dieser Region fasziniert gewesen seien und deren Bewohner als Freiheitshelden besungen hätten.
Professor Awetisjan nahm auch die Absicht Georgiens und der Ukraine in den Blick, Mitglieder der NATO zu werden. Dabei stelle sich die Frage, was zwei von inneren Problemen und Unruhen zerrissene Staaten in der NATO zu suchen hätten. Was die Ukraine betreffe, so seien 60 Prozent ihrer Bevölkerung gegen den NATO-Beitritt. Sollte die Ukraine tatsächlich NATO-Mitglied werden, so werde dies unvermeidlich zur Vertiefung der inneren Spannungen, ja zu Konflikten führen. Dann wären die anderen Staaten durch Beistandspflicht an ein Land gebunden, dessen Verhalten unberechenbar werden könnte. „Dann kann die ganze Situation ausser Kontrolle geraten.“ Ein NATO-Beitritt Georgiens und der Ukraine könne die Balance der Nationalinteressen verschiedener Länder erheblich stören, sagte der Referent, der zugestand, dass die Ukraine politisch mit Russland „nicht viel zu tun haben wolle“.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Prof. Awetisjan der Halbinsel Krim, die der damals amtierende sowjetische Parteichef Chruschtschow 1954 aus dem Bestand der Russischen Föderation (RSFSR) der Ukraine zugeschlagen hatte. Etwa 70 Prozent ihrer Bevölkerung seien ethnische Russen, so der Referent, seien aber mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 deren Staatsbürger geworden. Bis heute gebe es Reibereien zwischen den Krimrussen, die einen eigenen Präsidenten wählten, und den ukrainischen Behörden. Daran habe auch der 1999 geschlossene ukrainisch-russische Freundschaftsvertrag, durch den die Autonomierechte der Krimrussen geregelt wurden und Russlands wichtigster Marinestützpunkt an der Schwarzmeerküste (Sewastopol) bis 2017 von Moskau in Pacht genommen werden konnte, nur wenig geändert. Eben von Sewastopol aus habe die russische Schwarzmeerflotte Kurs auf die georgische Küste genommen, um diese zu blockieren. Der ukrainische Präsident Juschtschenko wolle nun die Bewegungsfreiheit der russischen Flotte bei künftigen Konflikten unterbinden, was für Russland nicht akzeptabel sei. Niemand könne sich zwar einen russisch-ukrainischen Konflikt vorstellen, aber ein Gefahrenpotential sei vorhanden. Hinzu komme, dass die in den 90-er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus der Verbannung zurückgekehrten Krim-Tataren die Wiederherstellung ihrer 1944 von Stalin aufgelösten Republik verlangten. So frage man sich jetzt in Kiew und Moskau, ob die Krim zu einem neuen Kosovo werden solle. „Vorerst bleibt diese Frage unbeantwortet“, mutmaßte Professor Awetisjan. (Der Vortrag wurde vom 1.Vorsitzenden der Gesellschaft für Außenpolitik, Dr. Horst Mahr, moderiert.) (Text: Josef Riedmiller)