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3. Mai 2007

Europa in einer globalisierten Welt

Dr. Hannes Androsch, Bundesminister a.D.

Zusammenfassung

„Europa nur einig stark"
Österreichs Vizekanzler a.D., Hannes Androsch, über die Rolle Europas in einer globalisierten Welt

In einer gemeinsamen Veranstaltung der Gesellschaft für Außenpolitik und der Österreichisch-Bayerischen Gesellschaft sprach am 3. Mai 2007 der frühere Vizekanzler und langjährige Finanzminister der Republik Österreich, Dr. Hannes Androsch, über das Thema „Europa in einer globalisierten Welt". Bevor er auf die spezielle Situation der Europäischen Union (EU) zu sprechen kam, skizzierte der Referent die ökonomische Weltlage. Hier sei von Bedeutung, dass große Teile der Welt, die bisher von der Wahrnehmung ausgeblendet gewesen seien, nun wieder in Erscheinung träten und ihre Rolle zu spielen begännen- insbesondere China und Indien. Die halbe Weltbevölkerung sei ins Bewusstsein der Welt zurückgekehrt; das sei das wichtigste Kriterium der Globalisierung.

Gleichzeitig, so der Referent, seien Millionen aus der Armut herausgekommen. Für die weitere Entwicklung werde von Bedeutung sein, wie lange die Übermacht der USA in der Welt noch anhalte. Die USA kämen nicht um die Einsicht herum, dass die heutigen Probleme (Wasser, Energie, Klima) nicht von einer einzelnen Macht gelöst werden könnten. Ein weiterer wichtiger Bereich sei die Region von Afghanistan bis Marokko, in der 60 bis 80 Prozent der Erdölreserven der Welt lagerten. Der Referent stellte die Frage, was Europa unter den Bedingungen des jetzt vorherrschenden Machtkartells noch ausrichten könne. Schon jetzt könne man mit Sicherheit sagen, dass sich die Weltwirtschaft und ihr Wachstum nach Asien verlagern werde. Die USA würden zwar eine Supermacht bleiben, aber nicht in allen Bereichen: China, Indien, Russland und Japan würden wichtige Faktoren darstellen. Und Europa?, fragte Androsch, und gab auch gleich die Antwort: kein einziges europäisches Land könne sich der Illusion hingeben, es könne im globalen Rahmen einen entscheidenden Machtfaktor darstellen. Europa könne nur dann eine Rolle spielen, wenn es seine Kräfte bündele. Kein EU-Mitglied sei für sich allein im internationalen Kräftedispositiv bedeutender als eine indische Provinz. „Deshalb braucht man nicht weniger, sondern mehr Europa."

Von der Einigung Europas hänge es ab, ob es noch eine bedeutende Rolle in der Welt spielen könne. Androsch forderte eine noch engere Zusammenarbeit der europäischen Länder, allerdings unter der Vorgabe, dass sie dabei ihre Identität und Selbständigkeit nicht verlieren. In der Diskussion prophezeite Androsch, dass das weltwirtschaftliche Ungleichgewicht geringer werde. Es habe eine Unmenge von Liquidität zur Folge. Dieses Kapital dränge auf die Finanzmärkte, suche Anlage und Verzinsung. Diese Unmengen von Geld kämen aus dem Rohstoffverkauf; man müsse aufpassen, „dass uns nicht die eigene industrielle Basis weggekauft wird". Europa kümmere sich zu sehr um Nebensachen, es sei schwierig bis unmöglich, auf unserem Kontinent wesentliche Veränderungen durchzusetzen. Der Redner empfahl den Europäern, statt viel Geld für Nebensachen auszugeben endlich 100 Milliarden Euro für Forschung und Wissenschaft bereitzustellen, um mit den USA gleichzuziehen. (Die Veranstaltung wurde moderiert vom 1. Vorsitzenden der Gesellschaft für Außenpolitik, Dr. Horst Mahr.)(Text: Josef Riedmiller)