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19. November 2009

Indien in der Weltpolitik der Gegenwart

Prof. Dr. em. Dietmar Rothermund, Südasieninstitut der Universität Heidelberg

Zusammenfassung

Indien in der Weltpolitik der Gegenwart

Indien hat in den vergangenen zwanzig Jahren einen rasanten Anstieg seiner weltpolitischen Bedeutung erlebt. Der Kalte Krieg, dessen Spannungen Indien immer bedauert hatte, gab der indischen Außenpolitik dennoch einen festen Orientierungsrahmen. Als namhafter Vertreter der bündnisfreien Nationen hatte es einen Platz in der Weltpolitik eingenommen, der ihm einen beschränkten Einfluss sicherte. Doch befand sich dieser Platz in den hinteren Rängen der Weltpolitik recht weit entfernt von der Bühne, auf der die maßgebenden Akteure auftraten. Dieser Platz war für Indien im Grund nicht akzeptabel. Wegen seines zahlenmäßigen Umfangs und seiner beachtlichen Leistung als „größte Demokratie“ beanspruchte es mehr Aufmerksamkeit, die ihm jedoch lange Zeit nicht geschenkt wurde. Wegen dieser Zurücksetzung strebte es auch nach dem Status einer Atommacht. Mit dem Weg, der zu diesem Ziel führte, soll der Überblick über Indiens Stellung in der Weltpolitik beginnen. Es folgt eine Behandlung der Beziehungen Indiens zu den USA, der Europäischen Union und Israel. Anschließend werden der gefährliche Nachbar Pakistan und Indiens Initiativen in Afghanistan betrachtet. Danach richtet sich der Blick nach Osten, wo Indien unlängst mit Erfolg versucht hat, engere Beziehung zu den ASEAN-Staaten zu knüpfen. Am Ende dieses Überblicks geht es um das problematische Verhältnis Indiens zu China, das zwischen Rivalität und Kooperation oszilliert. Das Verhältnis dieser beiden Länder zueinander wird die künftige Weltpolitik entscheidend beeinflussen.

Indien als Atommacht

Indien beschritt den Weg zur Atommacht, um sich Respekt in der Weltpolitik zu verschaffen und nicht, weil es irgendein anderes Land mit Atombomben bedrohen wollte. Doch war das Streben nach der Atommacht in Indien nicht unumstritten, auch wandelte sich das weltpolitische Umfeld immer wieder. Nachdem China 1964 zur Atommacht geworden war, hatte es ein Zeitfenster gegeben, in dem Indien sogar mit Duldung der USA ebenfalls hätte Atommacht werden können. Damals war Indien aber noch nicht so weit. Nachdem sich dann die Westmächte 1968 mit der Sowjetunion auf den Atomwaffensperrvertrag einigten, der 1970 in Kraft trat, lehnte Indien diesen als „ungleichen“ Vertrag ab und widersetzte sich seiner Unterzeichnung, zu der es sowohl von den USA als auch von der Sowjetunion gedrängt wurde. Als Indira Gandhi dann 1974 einen Atomtest durchführen ließ, der zwar als Test eines Sprengsatzes und nicht einer Bombe bezeichnet wurde, isolierte sich Indien auf diesem Gebiet völlig. Henry Kissinger brachte 44 Staaten zu einer Nuclear Suppliers Group zusammen, die sich verpflichteten, keinerlei Nukleartechnologie an Nichtunterzeichner des Vertrags zu liefern. Damit war Indien auch vom internationalen Fortschritt auf dem Gebiet der zivilen Nutzung der Kernenergie abgeschnitten. Der Reaktorbau erlitt dadurch in Indien einen empfindlichen Rückschlag. Der Bau einer indigenen Atombombe wurde dennoch weiterhin angestrebt. Morarji Desai, Indiens Premierminister von 1977 bis 1979, war jedoch gegen die Bombe, erst als Indira Gandhi 1980 wieder an die Macht kam, konnten die indischen Atomwissenschaftler ihr Ziel ungehindert verfolgen. Sie war 1983 nahe daran, wieder einen Test durchführen zu lassen, ihr wurde aber wohl mit Hinweis auf die Folgen von 1974 davon abgeraten. Die entsprechenden Forschungen liefen aber weiter und Premierminister Narasimha Rao wollte 1995 einen Test genehmigen. Es standen damals die Verlängerung des Atomwaffensperrvertrags und die Unterzeichnung des neuen Testbannvertrages (CTBT) an. Narasimha Rao beabsichtigte wohl, nach einem erfolgreichen Test und der Anerkennung Indiens als Atommacht beide Verträge zu unterschreiben. Doch Präsident Clinton soll ihn persönlich davon abgebracht haben. Die Bomben lagen also sozusagen „auf Eis“, bis die Bharatiya Janata Party 1998 an die Macht kam, die das „going nuclear“ schon in ihrem Wahlprogramm verkündet hatte. Die Tests wurden im Mai 1998 durchgeführt, rasch gefolgt von den Tests in Pakistan, wo man ebenfalls bereits darauf vorbereitet war. Offenbar hatte dort die Hilfe Chinas eine bedeutsame Rolle gespielt.
Indien war nun an seinem Ziel angelangt, unterzeichnete aber weiterhin die „ungleichen“ Verträge nicht. Es erklärte jedoch, dass es seine Bomben nicht für einen Erstschlag einsetzen werde. Wie ein defensiver Zweitschlag aussehen sollte, blieb unklar. Die Einrichtung eines Waffensystems und einer für den Atomkrieg erforderlichen Kommandostruktur war nicht ersichtlich. Die Bombe blieb ein Symbol. Im Unterschied zu Pakistan war die Herstellung der Bomben streng in ziviler Hand geblieben und die Armee hatte mit den Atomwaffen, ihrer Aufbewahrung und ihrem Einsatz zunächst nichts zu tun. Man stimmte daher auch nicht den Vorschlägen der Kriegsmarine zu, Atomraketen auf Unterseebooten unterzubringen, die gerade für einen Zweitschlag bestens geeignet sind. Auf hoher See wären die Atombomben nicht mehr in der Hand der zivilen Behörden. Vermutlich wird man sich aber doch dafür entscheiden müssen, um das politische Ziel der „glaubhaften minimalen Abschreckung“ (credible minimal deterrence) zu erreichen.

Die neue Partnerschaft mit den USA

Obwohl Indiens Atomtests zunächst das Verhältnis zu den USA stark belasteten, vergingen zwischen dem Verhängen von Sanktionen und dem Angebot eines „nuclear deal“ nur wenige Jahre. Die Annäherung begann schon mit dem Indienbesuch Präsident Clintons vom März 2000. Der pakistanische General Musharraf hatte durch sein Kunststück, zwischen Pakistan und Indien 1999 den ersten konventionellen Krieg unter Atommächten anzuzetteln, Indien ungewollt einen großen Dienst erwiesen. Über diesen Krieg wird später berichtet werden. Präsident Clinton erregte sich sehr über diesen Krieg und über den kurz darauf erfolgten Putsch Musharrafs. Daher zeigte er Indien geradezu demonstrativ seine Freundschaft. Es kam hinzu, dass in den USA im Oktober 1999 der Senat die Ratifizierung des Testbannvertrags verweigert hatte. Clinton hatte sich sehr für diesen Vertrag eingesetzt; nach der amerikanischen Ablehnung hatte er aber auch keinen Grund mehr dazu, Indien zur Unterzeichnung dieses Vertrags zu drängen. So verlief sein Besuch in Indien äußerst positiv. Man war dort geradezu überrascht von der stürmischen Freundschaft, nachdem es lange Zeit immer wieder Spannungen zwischen den beiden großen Demokratien gegeben hatte. Diese Spannungen standen in starkem Kontrast zu den intensiven Beziehungen der amerikanischen und indischen Gesellschaft. Die indische Mittelschicht ist pro-amerikanisch. Fast jede Familie dieser Schicht hat Verwandte in den USA, wo etwa zwei Millionen Inder leben, denen es dort sehr gut geht. Jeder zehnte Inder in den USA ist ein Dollarmillionär. Auf dem Gebiet der Informationstechnologie sind Indien und die USA so eng miteinander verbunden, dass man fast schon von einer gegenseitigen Abhängigkeit sprechen kann. Erst in jüngster Zeit ist nun die Entwicklung der politischen Beziehungen der der wirtschaftlichen Interdependenz und der sozialen Verbindungen gefolgt.
Präsident George W. Bush übertraf dann Clintons Begeisterung für Indien noch. Er sah Indien als Gegengewicht zu China und war sicher auch von den guten Beziehungen Indiens zu Israel beeindruckt, von denen später die Rede sein soll. Er fand dann in dem Vorschlag eines „nuclear deal“ eine Möglichkeit, Indien sozusagen im Sturm zu nehmen. Die rasche Wirtschaftsentwicklung Indiens hat einen enormen Energiebedarf geschaffen, der Indien dazu zwingt, auf die Kernenergie zurückzugreifen. Hier aber traf das einschneidende Embargo der Nuclear Suppliers Group Indien sehr hart. Es hätte den Atomwaffensperrvertrag unterzeichenen können, um diese Hürde zu nehmen. Doch trotz der Tests war Indien noch nicht als Atommacht anerkannt worden und die Unterzeichnung des Vertrags wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Bushs „nuclear deal“, der ein amerikanisches Entgegenkommen auch ohne Unterzeichnung des Vertrags bedeutete, baute Indien eine Brücke, die es nur zu gern beschritt. Dabei sicherte Bush freilich auch der Internationalen Atombehörde weitgehende Kontrollbefugnisse in Indien. Im Gegenzug gab die Nuclear Suppliers Group unter amerikanischem Einfluss ihr Embargo auf.
Der „nuclear deal“ war in Indien umstritten. Die Kommunisten, auf deren Unterstützung „von außen“ die Regierung von Premierminister Manmohan Singh angewiesen war, lehnten den „deal“ kategorisch ab. Sie taten dies nicht, weil sie Atomkraftgegner waren, sondern weil sie die engen Beziehungen zu den USA ablehnten, die sich auf diese Weise ergaben. Manmohan Singh war so sehr von der Wichtigkeit des „nuclear deal“ überzeugt, dass er sein politisches Schicksal aufs Spiel setzte und die Vertrauensfrage im Parlament stellte. Er hatte Glück, weil eine andere Partei, die Samajwadi Party, einsprang und die fehlenden Stimmen der Kommunisten bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage ersetzte. Der Vertrag über den „nuclear deal“ an sich hätte nicht der Zustimmung durch das Parlament bedurft, aber solange die Kommunisten die Regierung stürzen konnten, hätte dem Vertrag sozusagen die „Geschäftsgrundlage“ gefehlt.
Der „nuclear deal“ und Manmohan Singhs mutiger Einsatz dafür war der Auftakt zu einer engen Beziehung zu den USA, die man sich in Indien schon lange gewünscht hatte, die aber immer wieder durch widrige Umstände gestört worden war. Für Manmohan Singh bedeuteten die Ereignisse des Jahres 2008 keine politische Hypothek, ganz im Gegenteil, seine Regierung wurde im Frühjahr 2009 wiedergewählt und hatte jetzt weit mehr Unterstützung als zuvor. Die Kommunisten aber erlitten eine katastrophale Niederlage. Auch das konnte für die amerikanischen Politiker ein ermutigendes Signal sein.

Die enge Zusammenarbeit mit Israel

Beim Anknüpfen engerer Beziehungen zu den USA kam es Indien sicher zugute, dass es in jüngster Zeit beste Beziehungen zu Israel angebahnt hatte, die auch zu einer Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet führten. Vor 1992 waren die Beziehungen Indiens zu Israel ausgesprochen distanziert gewesen, weil Indien seit den Zeiten der Freundschaft von Nehru und Nasser stets auf Seiten des arabischen Nationalismus gestanden hatte. Diese Beziehung blieb sozusagen beim ersten Golfkrieg von 1991 auf der Strecke. Indien knüpfte 1992 diplomatische Beziehungen zu Israel an und baute diese rasch aus. Als unmittelbarer Anlass zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen wird ein Besuch Yassir Arafats bei dem damaligen indischen Premierminister Narasimha Rao genannt . Die Palästinenser befanden sich zu jener Zeit in Verhandlungen mit dem israelischen Präsidenten Yitzak Rabin. Arafat hoffte, dass Indien diese Verhandlungen unterstützen könnte. Dazu musste Indien aber diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen. Bald danach ergaben sich sowohl im militärischen Bereich als auch bei den Geheimdiensten enge Kontakte. Israel half Indien 1999 beim Kargil-Krieg, über den später berichtet werden soll, mit der Luftüberwachung, die den kriegsentscheidenden Einsatz der indischen Luftwaffe unterstützte. Die spezielle Ausrüstung zur Luftüberwachung sollte auch in den kommenden Jahren Gegenstand einer intensiven Zusammenarbeit sein. Der Indienbesuch des israelischen Premierministers Sharon (2003) konnte als Zeichen der stärkeren Zusammenarbeit gewertet werden.
Während der „nuclear deal“ von 2005 bis 2008 eine Hürde nach der anderen nahm, hatte auch die indisch-israelische Zusammenarbeit sprunghaft zugenommen, und 2009 lösten die Israelis die Russen als größte Waffenlieferanten Indiens ab. Daneben entwickelte sich eine besonders interessante Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Erkundungssatelliten. Israel produziert Satelliten, die selbst durch Wolken hindurchschauen können und kleinste Details auf der Erdoberfläche abbilden. Es fehlt Israel aber an der Raumtiefe und an geeigneten Raketen, um diese Satelliten in den Weltraum zu transportieren. Hier kam eine bewährte indische Rakete zum Zuge, mit der sich Satelliten genau in eine geeignete Umlaufbahn bringen lassen. Es ist dies die PSLV C12, mit der 2008 der israelische Satellit TECSAR transportiert wurde. Indien ließ sich von Israel dann einen weiteren Satelliten dieser Art anfertigen, der 2009 in Umlauf gebracht wurde und den Namen RISAT 2 trägt. Wesentliches Element dieser Satelliten ist der SAR (= Synthetic Aperture Radar), der mit vielen Antennen Bildsignale empfängt, die dann zu einer scharfen Abbildung zusammengesetzt werden. Israel und Indien kann daher jetzt nichts mehr entgehen, was sich in den für ihre Verteidigung relevanten Räumen bewegt. Ihre Zusammenarbeit wird auch in Zukunft von Bedeutung sein.

Die Kontakte mit der Europäischen Union

Im Gegensatz zu den sehr intensiven Beziehungen Indiens zu den USA und Israel sind die zur Europäischen Union weniger bemerkenswert, obwohl sie eigentlich sehr gut sein sollten. Die EU insgesamt ist nach China der zweitgrößte Handelspartner Indiens. Indien unterhält auch schon lange direkte diplomatische Beziehungen mit der EU in Brüssel. Ein weit in die Zukunft schauender indischer Botschafter in Brüssel, Arjun Sengupta, hatte sogar bereits 1993 angestrebt, dass Indien assoziiertes Mitglied der EU werden sollte. Der für Südasien zuständige Generaldirektor der EU in Brüssel, der diese Pläne unterstützt hatte, meinte später dazu, Sengupta sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Immerhin war 1993 ein umfassendes Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der EU und Indien zustande gekommen.
In der Folgezeit fühlte sich Indien von der EU vernachlässigt, weil es in den ASEM-Prozess (ASEM=Asia Europe Meeting) nicht einbezogen worden war, der 1996 mit einem Treffen in Bangkok seinen Anfang nahm. Das lag nicht an der EU, sondern an den südostasiatischen Initiatoren dieses Prozesses, die Indien nicht dabei haben wollten. Die EU fand dann zur Zeit der portugiesischen Ratspräsidentschaft einen Ausweg. Ein besonderer EU-Indien Gipfel wurde zum ersten Mal 2000 in Lissabon veranstaltet. Ihm folgten jährliche Gipfeltreffen, die alternierend in New Delhi und in der Hauptstadt des Landes stattfanden, das jeweils die Ratspräsidentschaft der EU innehatte. Schließlich wurde Indien 2006 auch an den ASEM-Treffen beteiligt und nahm nun alle zwei Jahre an diesen Treffen teil. Der EU-Indien Gipfel wurde jedoch nicht aufgegeben, auch er findet weiterhin regelmäßig statt. Diese Gipfeltreffen sind ohne Zweifel sehr nützlich, sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indien bisher nicht viel Gewicht in Europa hat und dass andererseits für Indien die Beziehungen zu den einzelnen europäischen Nationen wichtiger sind, zu denen seit Jahrzehnten diplomatische Beziehungen bestehen. Es würde jedoch hier zu weit führen, diese Beziehungen im Einzelnen darzustellen.

Gefährliche Nachbarschaft: Das Verhältnis zu Pakistan

Die schicksalhaftesten Außenbeziehungen Indiens sind nach wie vor die zu seinem gefährlichen Nachbarn Pakistan, dem „feindlichen Bruder“, der ihm 1947 in die Wiege gelegt wurde. Die Teilung Britisch-Indiens war eine traumatische Erfahrung, die bis heute nicht bewältigt worden ist. In Pakistan wird oft behauptet, Indien habe sich nie mit dieser Teilung abgefunden. Nun hat sich Indien zwar mit der territorialen Teilung abgefunden, nicht aber mit der ihr zugrunde liegenden „Zwei Nationen“- Theorie M. A. Jinnahs. Er hatte behauptet, dass Hindus und Muslims zwei Nationen seien, die je für sich Anspruch auf eigene Nationalstaaten haben. Diese Theorie, die den religiösen Glauben zur Basis der Nationsbildung macht, ist 1971 durch die Sezession Bangladeshs ad absurdum geführt worden. Als Gründungsidee Pakistans bleibt sie aber weiterhin verbindlich und legitimiert auch den pakistanischen Anspruch auf Kaschmir. Indien aber kann diese Theorie schon deshalb nicht anerkennen, weil es eine Muslim-Diaspora birgt, die mit rund 140 Mill. etwa mit der Gesamtbevölkerung Pakistans vergleichbar ist.
Schon bald nach Erlangung der Unabhängigkeit brach zwischen Indien und Pakistan ein Krieg um Kaschmir aus. Die Teilung hatte die Fürstenstaaten nicht einbezogen, die Briten hatten ihnen je für sich die Unabhängigkeit gewährt, doch für die meisten von ihnen war eine unabhängige Existenz gar nicht möglich und sie schlossen sich Indien an. Der Maharaja von Jammu und Kaschmir, dessen Bevölkerung mehrheitlich aus Muslims besteht, wäre gern unabhängig geblieben. Sein Staat grenzte an Indien und Pakistan. Er erbat sich Bedenkzeit, die ihm Pakistan durch den Einmarsch von Truppen verkürzen wollte. Er bat Indien um Hilfe, doch die konnte ihm nur gewährt werden, wenn er sich Indien anschloss, was er dann auch tat. Die indische Armee befreite einen großen Teil des Staats. Nehru rief die UN an, sie solle durch eine Resolution des Sicherheitsrats Pakistan zum Abzug seiner Truppen aus Kaschmir auffordern. Nach einem solchen Abzug solle dann eine Volksabstimmung erfolgen. Der Abzug erfolgte nicht und ebenso wenig die Volksabstimmung. Die Vereinten Nationen bemühten sich um eine „politische Lösung“, bei der die Volksabstimmung eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Die Kämpfe gingen weiter bis Anfang 1949. Im Sommer 1948 hatten die indischen Truppen Kargil erobert und damit den Weg nach Ladakh gesichert. Sie stießen dann noch rund 100 km nach Osten vor und erreichten den Punkt, der im Waffenstillstandsabkommen vom Juli 1949 als Endpunkt der Waffenstillstandslinie festgelegt wurde. Da damals über diesen Punkt hinaus keine Kämpfe stattgefunden hatten, gab es dort auch keine Waffenstillstandslinie. Im Waffenstillstandsvertrag von 1949 wird über den weiteren Verlauf einer möglichen Linie nur gesagt, dass sie von diesem Punkt nördlich in Richtung auf die Gletscher verlaufe. Diese vage Bestimmung sollte sich später als Ursache weiterer Konflikte erweisen. Auf pakistanischen Karten und vielen anderen, die der pakistanischen Vorgabe folgen, verläuft die Linie vom Endpunkt der Waffenstillstandslinie zum Karakorum-Pass. Die Inder nehmen aber die Angabe „nördlich in Richtung auf die Gletscher“ ernst und beanspruchen den Siachen Gletscher, den sie 1984 eingenommen und seither gegen Pakistan verteidigt haben. Die Kämpfe auf über 5000 Meter Höhe sind kräftezehrend. Die dort eingesetzten Truppen müssen alle zwei Wochen abgelöst werden. Der Einsatz verursacht hohe Kosten. Man fragt sich, was den Einsatz in dieser menschenleeren Gegend rechtfertigt. Es geht um die strategisch wichtige Verbindung zwischen den Bundesgenossen China und Pakistan, die Indien hier unterbinden möchte.
Pakistan hat mehrfach vergeblich versucht, Indien Kaschmir mit Waffengewalt zu entreißen. Nach Nehrus Tod versuchte der pakistanische Militärdiktator Ayub Khan im September 1965, mit einem Vorstoß seiner Panzer die einzige indische Verbindungsstraße nach Kaschmir abzuschneiden. Er glaubte, mit Nehrus vermeintlich schwachem Nachfolger Lal Bahadur Shastri leichtes Spiel zu haben, doch der erwies sich als starker Gegner. Indische Truppen drangen in Richtung Lahore vor, eine Panzerschlacht bei Sialkot wurde von den Indern gewonnen. Ayub Khan musste kapitulieren und eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben. Er hatte sich als Feldherr und Staatsmann blamiert, das ermutigte die Nationalisten des künftigen Bangladesh ihre Autonomieforderungen zu stellen. Ayub Khan dankte 1969 ab, sein Nachfolger Yahya Khan setzte Truppen ein, die den Widerstand der Bengalen brechen sollten. Millionen von Flüchtlingen retteten sich auf indischen Boden, dann leistete Indira Gandhi den bengalischen Kämpfern Beistand. Die indische Armee nahm 90.000 pakistanischer Soldaten gefangen. Zur selben Zeit brachen auch Kämpfe an der Waffenstillstandslinie in Kaschmir aus und Indien konnte dort einige Geländegewinne erzielen. Als der neue pakistanische Präsident Bhutto 1972 mit Indira Gandhi in Simla zusammentraf und ihm die Freilassung der Kriegsgefangenen zugesichert wurde, musste er diese Geländegewinne hinnehmen. Die Waffenstillstandslinie wurde nun „Line of Control“ genannt und als de facto Grenze akzeptiert. Indira Gandhi hätte auf der offiziellen Anerkennung der Grenze bestehen können, doch sie tat dies nicht, weil Bhutto argumentierte, dass er dies politisch nicht überleben würde.
In Pakistan setzte sich Bhutto für eine „islamische Atombombe“ ein und sicherte sich die Unterstützung Chinas für diese Pläne. Von nun an betrieben Indien und Pakistan ein atomares Wettrüsten, das freilich durch vielerlei politische Hindernisse aufgehalten wurde. Nach den Atombombentests von 1998 in Indien und Pakistan herrschte nun eigentlich zwischen den beiden Nachbarn ein „Gleichgewicht der Abschreckung“, wie es sich im Kalten Krieg zwischen den Supermächten bewährt hatte. Der indische Premierminister Vajpayee, der an diese Doktrin des Gleichgewichts glaubte, begann nun eine Friedensoffensive. Er fuhr im Februar 1999 mit dem Bus nach Lahore und umarmte dort seinen pakistanischen Amtskollegen Nawaz Sharif, der dies nur ungern mit sich geschehen ließ, denn er wusste wohl schon von den Plänen seines Generals Musharraf, der wenig später einen riskanten Angriff auf die „Line of Control“ bei Kargil durchführte, der die Inder völlig überraschte. Er hatte seine Kommandos als kaschmirische Freiheitskämpfer verkleidet. Doch die Inder fanden Militärmarken und Soldbücher bei ihnen vor und wussten daher, dass sie es mit regulären pakistanischen Truppen zu tun hatten. Bei normaler Kriegführung wären indische Truppen ihrerseits über die „Line of Control“ vorgedrungen, um dem Gegner die Nachschublinien abzuschneiden. Doch dem stand die Gefahr einer „nuklearen Eskalation“ entgegen. Musharraf hatte dies in seine Strategie einbezogen, dennoch verlor er diesen Krieg, spielte aber geschickt den „Schwarzen Peter“ dem glücklosen Premierminister Nawaz Sharif in die Hände, der ihn danach absetzen wollte, dann aber von Musharraf gestürzt wurde.
Als Präsident Bush nach der Zerstörung des World Trade Centers zu einer weltweiten „Allianz gegen den Terror“ aufrief, trat Indien dieser begeistert bei, weil es an seine eigenen Probleme in Kaschmir dachte, Musharraf konnte nicht umhin, sich ebenfalls dieser Allianz anzuschließen, tat dies aber sehr zögerlich. Die Terroristen in Pakistan bemühten sich sofort darum, einen Keil zwischen Indien und Pakistan zu treiben, indem sie im Oktober 2001 einen Anschlag auf den Landtag von Kaschmir ausübten. Hätte man sonst dies von pakistanischer Seite kaschmirischen Freiheitskämpfern zugeschrieben, beeilten sich die Terroristen diesmal, die Namen und Herkunftsorte ihrer „Märtyer“ zu veröffentlichen. Es waren alles Pakistanis, Indien sollte auf diese Weise provoziert werden, doch die indische Regierung reagierte zurückhaltend. Das konnte sie bei dem bald darauf folgenden Anschlag auf das indische Parlament im Dezember 2001 nicht mehr tun. Pakistanischen Terroristen in indischen Polizeiuniformen wäre es fast gelungen, in das Parlament einzudringen. Sie wurden im letzten Augenblick erschossen. Vajpayee ließ darauf indische Truppen an der pakistanischen Grenze aufmarschieren. Die Krieg-in-Sicht-Krise wurde nur durch intensive amerikanische Vermittlung überwunden. Kurz darauf wurden in Kaschmir im Oktober 2002 faire Wahlen abgehalten, aus denen eine stabile demokratische Regierung hervorging.
Die Bildung einer demokratischen Regierung in Pakistan nach den Wahlen vom Februar 2008 und die Abdankung des Präsidenten Musharraf im August desselben Jahres weckten Hoffnungen auf bessere Beziehungen zwischen Indien und Pakistan. Die indische Regierung zeigte sich sehr konziliant, doch bald darauf stürzten die pakistanischen Terroristen die beiden Nachbarn wieder in eine Krise. Eine Gruppe junger Terroristen kaperte im November 2008 einen indischen Fischkutter und landete in Mumbai am Gateway of India, stürmte Luxushotels und den Hauptbahnhof und richtete ein Blutbad an. Etwa 200 Inder kamen ums Leben, von den Terroristen geriet nur einer lebend in Gefangenschaft. Er konnte über die Herkunft der Terroristen Auskunft geben. Indien verzichtete diesmal auf jegliches Säbelrasseln, verlangte aber von Pakistan die Verfolgung der Hintermänner der Terroristen. Die Aktion war offenbar gut geplant worden und die indische Regierung konnte der pakistanischen genaue Angaben dazu liefern. Dennoch wurde in Pakistan lange Zeit geleugnet, dass der Anschlag von Pakistanis ausgeübt worden sei. Die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn hatten wieder einmal einen Tiefpunkt erreicht.
Ein weiterer Konflikt zwischen Indien und Pakistan ergibt sich aus der immer alarmierender werdenden Situation in Afghanistan, das Pakistan sozusagen als seinen Hinterhof betrachtet, in dem es indische Aktivitäten sehr ungern sieht.

Indische Initiativen in Afghanistan

Afghanistan war für Indien lange Zeit ein wichtiger Partner gewesen. Es gehörte der Bewegung der bündnisfreien Nationen an und war so für Indien ein Gegengewicht zu dem paktgebundenen Pakistan. Deshalb war für Indien die Entwicklung in Afghanistan von 1979 bis 2001 geradezu ein Albtraum. Die Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion entsetzte Indien. Es hätte sie gern verurteilt, doch es hatte auch gute Beziehungen zur Sowjetunion gepflegt, die nach 1963 zum wichtigsten Rüstungspartner Indiens geworden war, weil der Westen Indien auf diesem Gebiet keine andere Wahl ließ. Auch hatte Indien seit 1971 einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion, den Indira Gandhi freilich nur als Rückversicherungsvertrag abgeschlossen hatte, um gegen amerikanischen Widerstand die Befreiung Bangladeshs zu wagen. Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan im Frühjahr 1989 wurde von Indien begrüßt. Das Regime der Taliban in Afghanistan war für Indien allerdings noch unheimlicher, weil die „Glaubenskrieger“ auch in Kaschmir aktiv wurden. Dem Regime des Präsidenten Karzai eilte Indien dann geradezu begeistert zur Hilfe, was wiederum von Pakistan gar nicht gern gesehen wird. Ein spezielles indisches Projekt in Afghanistan soll in diesem Kontext eingehender betrachtet werden.
Afghanistan ist, was seine Handelswege betrifft, fast völlig auf Pakistan angewiesen. Hier hat Indien jetzt Abhilfe geschaffen. Die Border Road Organization der indischen Armee hat eine Verbindungsstraße von Delaram an der afghanischen Ring Road über eine Entfernung von ca,. 230 km nach Zaranj an der afghanisch-iranischen Grenze gebaut. Sie ist Anfang 2009 offiziell eröffnet worden. Von Zaranj führt auf iranischem Gebiet eine Straße zum Hafen Chabahar, der ebenfalls mit indischer Hilfe ausgebaut worden ist. Der Ausbau dieses Hafens ist ein Konkurrenzunternehmen zu dem nur rund 200 km östlich von Chabahar gelegenen pakistanischen Hafen Gwadar, der mit chinesischer Hilfe ausgebaut worden ist. Gwadar hat freilich keine guten Verbindungen nach Afghanistan.
Der Ausbau von Chabahar erfolgte im Kontext der durchaus freundschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Iran. Indien ist auch interessiert am Bau einer Rohrleitung, mit der Erdgas von Iran über Afghanistan und Pakistan nach Indien transportiert werden könnte. Die ersten Vorschläge dazu wurden schon 1989 von dem indischen Experten Dr. Pachauri gemacht. Seither werden immer wieder Pläne verkündet, aber nicht verwirklicht. Die jüngsten Spannungen zwischen Indien und Pakistan nach dem Terroranschlag auf Mumbai im November 2008 dürften das Projekt weiterhin verzögern, ganz abgesehen davon, dass die USA dagegen sind, die den Iran wegen seiner atomaren Ambitionen an einer kurzen Leine halten möchten. Indien hat den amerikanischen Druck bereits gespürt, als es 2006 dafür stimmen musste, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einzuschalten, der sich mit den iranischen Atomplänen befassen sollte. Indien begann damals gerade die Verhandlungen mit den Amerikanern über den „nuclear deal“. In diesem Zusammenhang wurde der indischen Regierung klar gemacht, dass ein Wohlverhalten in der iranischen Frage von ihr erwartet wurde.

Indiens Blick nach Osten: Die Beziehung zu den ASEAN–Staaten

Zu Nehrus Zeiten und auch noch lange danach stand Indien sozusagen mit dem Rücken zu seinen Nachbarn in Südostasien. Die einzige Ausnahme war Vietnam, weil Nehru und Ho Chi Minh eine persönliche Freundschaft verband. Nehru hatte Ho Chi Minh 1954 in Vietnam besucht und Ho Chi Minh wurde 1958 in Indien empfangen. Die indische Regierung war gegen den Vietnamkrieg. Die diplomatischen Beziehungen wurden 1972 durch den Austausch von Botschaftern intensiviert. Doch gerade die engen Beziehungen zu Vietnam belasteten zunächst Indiens Kontakte mit den ASEAN-Staaten (ASEAN=Association ofSouth-East Asian Nations). Die ASEAN war 1967 von Thailand, Indonesien, Malaysia. den Philippinen und Singapur in betont anti-kommunistischer Absicht gegründet worden. Diesen Staaten war die enge Beziehung zwischen Indien und Vietnam ein Dorn im Auge. Noch komplizierter wurde dieser Antagonismus durch die politische Entwicklung in Kambodscha (Kampuchea). Dort hatten die Roten Khmer 1975 ein Schreckensregime errichtet, dem Vietnam 1979 ein Ende setzte, als vietnamesische Truppen in Kambodscha einmarschierten und dort eine Regierung unter Führung von Heng Samrin einsetzten, die von Indien 1981 anerkannt wurde, nicht aber von den Nachbarn Kambodschas. Die Khmer Rouge zogen sich in die Wälder an der Grenze Thailands zurück. Die ASEAN machte Front gegen Vietnam und befand sich nun für einige Jahre an der Seite der Khmer Rouge. Die Beziehungen Indiens zu den ASEAN Staaten litten darunter. Dann zog sich Vietnam 1989 aus Kambodscha zurück. Nachdem die Sowjetunion dahingeschieden war, setzte in Vietnam ein rascher Gesinnungswandel ein. Es suchte nun engere Beziehungen zu den ASEAN und wurde 1995 Mitglied. Damit bestanden eigentlich nun auch keine Hemmnisse mehr, die einer engeren Zusammenarbeit der ASEAN mit Indien im Wege gestanden hätten. Doch es dauerte noch einige Jahre, bis Indien die früheren Antagonismen überwunden hatte. Das zeigte auch die recht verspätete Aufnahme Indiens in den Kreis der ASEM-Teilnehmer, die zuvor bereits erwähnt worden ist.
Indiens „Look East Policy“, die von Premierminister Narasimha Rao begonnen und von seinen Nachfolgern Vajpayee und Manmohan Singh weitergeführt wurde, entwickelte sich von 1992 bis zur Gegenwart über ein Jahrzehnt, in dem ganz allmählich Erfolge zu verzeichnen waren. Der Besuch von Gipfeltreffen war meist unproblematisch, schwieriger war es schon, konkrete Vereinbarungen zu treffen, wie etwa das Freihandelsabkommen Indiens mit ASEAN, das nach langen Bemühungen erst 2009 abgeschlossen werden konnte, denn dabei ging es nicht nur darum, mit den ausländischen Partnern ein Einverständnis zu erzielen, sondern auch protektionistische Widerstände in Indien zu überwinden. Premierminister Manmohan Singh hatte bereits zu Beginn seiner ersten Amtszeit ein solches Abkommen angestrebt, doch als er 2005 einen ASEAN-Gipfel besuchte, brachte er eine lange Negativliste von Gütern, die ausgenommen werden sollten, mit, die ihm offenbar von indischen Wirtschaftsinteressen aufgenötigt worden war. Der malaysische Premierminister Badawi spottete, diese Liste enthielte mehr Güter, als sie Indien zu jener Zeit exportierte. Das wollte Manmohan Singh nicht auf sich sitzen lassen. Er zog in den Kampf gegen die indischen Wirtschaftsinteressen, denen er diesen Spott seines Kollegen zu verdanken hatte. Der Kampf dauerte jahrelang. Unter anderem bekam er es mit der kommunistischen Landesregierung Keralas zu tun, die Pfefferimporte verhindern wollte. Er hielt den Kommunisten entgegen, dass der Pfeffer, um den es dabei ging, aus Vietnam käme, einem „sozialistischen Bruderstaat“, dem sie sich doch verbunden fühlen mussten. So rang er nach und nach alle Interessen, die sich ihm in den Weg stellten, nieder und konnte dann in seiner zweiten Amtszeit das Freihandelsabkommen erfolgreich abschließen. Bei seiner Verteidigung dieses Abkommens in Indien hatte er betont, dass es dabei nicht nur um ökonomische, sondern auch um geopolitische Interessen ginge.
In der Zeit, in der sich Indien um die Zusammenarbeit mit ASEAN bemühte, versuchte es auch noch auf andere Weise, Verbindungen mit Südostasien herzustellen. Eine solche Initiative war die BIMSTEC (Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation). Es ging dabei darum, die Anrainer des Golfs von Bengalen zu einer engeren Kooperation zusammenzuführen. BIMSTEC wurde 1997 in Bangkok ins Leben gerufen. Ursprünglich war der Name der Organisation das Akronym (BISTEC) (Bangladesh, India, Sri Lanka, Thailand Economic Cooperation), dann schloss sich auch Myanmar noch an und das Akronym wurde um ein M erweitert, als dann 2004 auch noch Nepal und Bhutan hinzukamen, wurde die Bezeichnung der Organisation geändert, um das Akronym nicht erweitern zu müssen. Die Treffen von BIMSTEC haben in jüngster Zeit in ihrer Häufigkeit zugenommen, was darauf schließen lässt, dass es viel zu besprechen gibt. Eine weitere regionale Organisation, genannt Mekong-Ganga Cooperation, wurde 2000 in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, gegründet. Ihr gehören neben Indien fünf südostasiatische Staaten an, nämlich Vietnam, Thailand, Myanmar, Kamboscha und Laos. Es gibt dabei einige Überschneidungen mit BIMSTEC, doch während BIMSTEC einen maritimen Charakter hat, betont die Mekong-Ganga Cooperation die Verbindung Indiens mit dem südostasiatischen Festland. Man plant auf lange Sicht eine Straße zu bauen, die den Nordosten Indiens mit den Ländern am Mekong verbinden soll.
Diese Initiativen haben natürlich unter anderem das geopolitische Ziel, China nicht allein den Zugang zu Südostasien zu überlassen, denn China lässt seinerseits nichts unversucht, Indien geradezu einzukreisen, indem es mit dessen westlichen und östlichen Nachbarn enge Verbindungen unterhält. Eine junge amerikanische Politikwissenschaftlerin hat gesagt, dass China Stützpunkte rings um Indien anlegt, die es wie eine Perlenkette (string of pearls) umgeben. Diese Bezeichnung ist seither oft wiederholt worden. Es handelt sich aber hier weniger um eine Perlenkette als um ein kompliziertes Verbindungsgeflecht. Die kleineren Nachbarn der beiden asiatischen Giganten betrachten jeweils ihren unmittelbaren großen Nachbar mit Skepsis und neigen daher dazu, den anderen Giganten zu hofieren, um sich so ein Gegengewicht zu sichern. Die Beziehungen der Giganten zu einander werden daher von den Staaten ihres jweiligen Umfelds besonders aufmerksam beobachtet. Wie bereits einleitend erwähnt, oszillieren diese Beziehungen zwischen Rivalität und Kooperation. Dabei spielt selbst bei den neusten Entwicklungen immer die Geschichte dieser Beziehungen eine bedeutsame Rolle.

Indien und China: Rivalität und Kooperation

In früheren Zeiten lebten Indien und China sozusagen Rücken an Rücken und hatten keinen Anlass zu Konfrontation. Das mag wohl auch Nehru dazu bewogen haben, nachdem Indien die Unabhängigkeit erlangt hatte, zu behaupten, dass Asien vor dem Erscheinen der europäischen Kolonialherren eine Zone des Friedens gewesen sei und dies nun auch wieder werden würde. Nehru war durch seinen langen Kampf gegen den Imperialismus geprägt und ging davon aus, dass anti-imperialistische Staaten wie Indien und China nie miteinander in Konflikt geraten würden. Die Außenposten in Tibet, die seine Regierung von den Briten geerbt hatte, gab er bald auf. Als China 1950 Tibet besetzte, hatte er nichts dagegen einzuwenden und er schloss 1954 einen Grenzvertrag mit China ab, in dem freilich nur die Pässe bezeichnet wurden, über die der Handel verlaufen konnte. Eine genauere Delimitierung oder gar Demarkierung der Grenze hielt er nicht für nötig. Sie fand in dem Vertrag keine Erwähnung, stattdessen schrieb Nehru die fünf Grundsätze (Pancha Shila) der friedlichen Koexistenz in den Vertrag, eine Art Beschwörungsformel, die den Nachbar zum Wohlverhalten verpflichtete. Außerdem glaubte er schon deshalb auf eine genaue Grenzziehung verzichten zu dürfen, weil die Grenze entlang der Wasserscheide im Himalaya verlief und damit eine naturgegebene Grundlage hatte, die über jeden Zweifel erhaben war. Das sollte sich später als ein entscheidender Fehler erweisen. Er hätte China im Gegenzug für sein Wohlverhalten in Bezug auf Tibet einen Grenzvertrag abfordern müssen, der den Verlauf der Grenze eindeutig festlegte.
Einige Jahre machte sich dieser Fehler nicht bemerkbar und man gab sich in Indien der Illusion hin, in den Chinesen ein Brudervolk zu haben (Hindi-China bhai bhai), mit dem man stets nur die besten Beziehungen haben würde. Die Bandung Konferenz der afro-asiatischen Solidarität, die Nehru und Chou En-lai 1955 gemeinsam besuchten, schien diesen Eindruck zu bestätigen. Doch bald darauf ließ die chinesische Regierung im menschenleeren Gebiet von Aksai-Chin, einem Teil von Jammu und Kaschmir, Straßen bauen, um sich einen besseren Zugang von Tibet nach Xianjiang zu sichern. Den besten Zugang bot freilich eine Straße über den Karakorumpass; dieser Verbindung näherten sich die Chinesen sozusagen „scheibchenweise“ und schnitten immer mehr vom indischen Territorium ab. Als chinesische und indische Patrouillen aufeinandertrafen, kam es zu „Grenzzwischenfällen“, die Nehru jedoch geheim hielt, um der Opposition im Parlament keinen Anlass zur Kritik zu geben. Erst als der Dalai Lama 1959 nach Indien floh und Nehru ihm Asyl gewährte, waren die Konflikte mit China nicht mehr zu verbergen und die indische Regierung veröffentlichte ein Weißbuch, aus dem hervorging, dass es schon seit einigen Jahren „Zwischenfälle“ gab. Obwohl Nehru dem Dalai Lama nicht das Recht einräumte, in Indien eine tibetische Exilregierung zu errichten, setzte er sich nun dem Zorn Chinas aus. Die Illusion der anti-imperialistischen Kameraderie fand ein Ende. Der junge Vajpayee, damals ein stürmischer Wortführer der Opposition im Parlament, rief Nehru zu, seine Theorie der friedlichen Koexistenz (Pancha Shila) sei tot (Panchshil margaya). Dennoch bemühte sich Nehru weiter um einen Ausgleich mit China. Im April 1961 kam Chou Enlai zu Verhandlungen nach New Delhi. Nehru hatte alles Kartenmaterial zur Grenzfrage zusammentragen lassen und war überrascht, als Chou En-lai noch nicht einmal einen Blick darauf werfen wollte. Der konzentrierte sich sofort auf einen einfachen Kompromiss: China sei bereit, die Grenze im Osten , die McMahon Line, anzuerkennen, wenn Indien im Gegenzug China Aksai-Chin überließe. Das war das Gebiet, das sich China bereits insgeheim angeeignet hatte. Nehru konnte sich jedoch zu diesem Zugeständnis nicht bereit finden, da er befürchtete, dass man ihm im Parlament vorwerfen würde, dass er indisches Territorium aufgegeben habe. Die Verhandlungen wurden ohne Ergebnis abgebrochen.
Im folgenden Jahr löste China das Problem durch einen Grenzkrieg zu seinen Gunsten. Man wählte dafür einen sehr günstigen Zeitpunkt: die amerikanisch-sowjetische Konfrontation im Oktober 1962, die „Cuba Missile Crisis“. Eine Division chinesischer Truppen stieß im Osten über Tawang bis in die Ebene von Assam vor, zog sich dann aber, ehe die Nachschublinien abgeschnitten werden konnten, rasch wieder zurück. Es war dies eine gigantische Finte, die vom eigentlichen Ziel ablenken sollte. Zur selben Zeit rückten nämlich chinesische Truppen im Westen vor und errangen den Zugang zum Karakorumpass. Dort zogen sie sich nicht wieder zurück. Danach herrschte jahrelang eine Verschwörung des Schweigens. Die Chinesen hielten es nicht für nötig, zu verkünden, was sie gewonnen hatten, und die Inder hielten ihre territorialen Verluste lieber geheim. Für Indien war die Niederlage im Grenzkrieg kaum zu überwinden, für Nehru bedeutete es den Bankrott seiner Außenpolitik. Er war nun ein gebrochener Mann.
Eine „Normalisierung“ der indisch-chinesischen Beziehungen war danach sehr schwierig, zumal Pakistan angesichts der indischen Niederlage schon 1963 ein Militärbündnis mit China schloss und dann - in der Hoffnung sich auf den neuen Bundesgenossen verlassen zu können - 1965 einen Krieg mit Indien vom Zaun brach. China hielt sich zurück und enttäuschte Pakistan. China hatte seine Ziele bereits erreicht und hielt eine weitere Konfrontation mit Indien zu diesem Zeitpunkt nicht für nützlich. Das galt auch für den Krieg von 1971, als es um die Befreiung Bangladeshs ging. In den Jahren darauf bemühte sich Indien um eine Verbesserung der Beziehungen zu China und dies fand schließlich in dem Chinabesuch des indischen Außenministers Vajpayee 1979 seinen Ausdruck. Leider überfiel China gerade zu dieser Zeit Vietnam und Deng Xio Ping verglich dann auch noch den „Demonstrationskrieg“ Chinas gegen Vietnam mit dem gegen Indien von 1962. Beide sollten dazu dienen, dem Gegner eine Lektion zu erteilen. Vajpayee brach seinen Besuch sofort ab. Wieder einmal war an eine „Normalisierung“ der Beziehungen nicht zu denken. Doch Indien gab die Hoffnung nicht auf und 1981beantwortete der indische Staatssekretär Ram Sathe meine Frage nach den indisch-chinesischen Beziehung mit dem Hinweis, dass man alle Konfliktpunkte ausklammere und sich darauf konzentriere, was an Möglichkeiten der Zusammenarbeit weiterhin bestehe.
Mit den Chinabesuchen der Premierminister Rajiv Gandhi 1988 und Narasimha Rao 1993 wurden entscheidende Schritte zur „Normalisierung“ getan. Dabei wurde 1993 ein Einverständnis erzielt, in Grenzfragen die „Line of Actual Control“ zu respektieren. Es wurde aber nicht gesagt, wo diese sich befindet. Dabei ist es bisher geblieben. In jüngster Zeit hat China dann seinen Anspruch auf das indische Bundesland Arunachal Pradesh erneut erhoben, obwohl Chou Enlai schon 1961 auf dieses Gebiet verzichtet hatte, freilich unter der Vorausetzung eines indischen Entgegenkommens in Bezug auf die Westgrenze. Zu diesem Entgegenkommen ist Indien längst bereit, wie der Hinweis auf die „Line of Actual Control“ zeigt, aber China möchte wohl den Preis für eine endgültige Einigung noch in die Höhe treiben.
Indiens Atomtests von 1998 haben Chinas Respekt vor Indien deutlich erhöht. Zuvor neigte man in China dazu, auf Indien herabzuschauen, da es als Wirtschaftsmacht China nicht den Rang streitig machen konnte. Inzwischen ist China zum größten Handelspartner Indiens geworden und hat daher gelernt, es auch als guten Kunden zu schätzen. Indische Firmen sind ihrerseits daran interessiert mit China ins Geschäft zu kommen. Ein Beispiel ist die größte indische Firma auf dem Gebiet der Informationstechnologie, Tata Consultancy Services (TCS). Sie hat eine Zweigstelle in China mit einigen Tausend Mitarbeitern errichtet. Auf meine Frage, ob man sich nicht davor fürchte, dass die Chinesen alles kopieren und so TCS das Wasser abgraben könnten, antwortete der zuständige Direktor, dass TCS der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sei und sich vor niemand zu fürchten brauche. Indien ist weltweit führend auf dem Gebiet der Softwaretechnologie – und auch das respektiert China. Wirtschaftliche Zusammenarbeit und fairer Wettbewerb könnten beiden Ländern nutzen. Eine direkte Konkurrenz indischer und chinesischer Produkte auf dem Weltmarkt besteht zur Zeit noch nicht, weil man sich auf verschiedene Exporte konzentriert. Allein beim Wettlauf um Rohstoffe haben Indien und China die gleichen Ziele. Doch auch hier muss es nicht zu einem Verdrängungswettbewerb kommen. Mit besonnener Diplomatie könnten Indien und China einen modus vivendi finden. In Anbetracht der Größe der beiden Staaten und ihres Zukunftspotenzials ist dies für die Gestaltung der Weltpolitik von entscheidender Bedeutung.

Ausblick: Die Zukunft Indiens im Zeitalter der Globalisierung

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Indien als Armenhaus der Welt, geplagt von einer „Bevölkerungsexplosion“, der sich offenbar nicht Einhalt gebieten ließ. Doch nach der Wirtschaftsreform von 1991 hat Indien große Fortschritte gemacht und auch ein demographischer Umschwung ist eingetreten. In vielen Bundesländern Indiens ist die Fruchtbarkeitsrate bereits soweit zurückgegangen, dass die Reproduktionsrate von 2,1 erreicht oder gar unterschritten wurde. Man spricht daher jetzt von einer „demographischen Dividende“, die entsteht, wenn die Erwerbstätigen weniger Kinder zu versorgen haben. Indien kann in einer globalisierten Welt gut mithalten und da die Mehrheit der indischen Bevölkerung jung ist, wird es auch noch nicht so rasch von der Überalterung bedroht werden, die bereits viele Nationen belastet.
Indiens gute Beziehungen zu den USA dürften sich in Zukunft noch vertiefen, wobei die hochqualifizierte indische Minderheit dort eine bedeutende Rolle spielen wird. Auch für Europa wird Indien in stärkerem Maße als zuvor ein wichtiger Partner werden. Vielleicht wird dann auch die Idee einer assoziierten Mitgliedschaft Indiens in der EU wiederaufgenommen werden, von der zuvor die Rede war. Indiens Beziehungen zu Russland sind nach wie vor sehr gut. Zwar gibt es nicht mehr das symbiotische Verhältnis, das Indien mit der Sowjetunion verband, als die Sowjetunion Indien Waffen lieferte und Indien sie dafür mit Konsumgütern versorgte – und dabei Zahlungen in harter Währung im gegenseitigen Einvernehmen vermieden wurden. Schon damals waren nicht ideologische Übereinstimmungen, sondern das nationale Interesse beider Staaten das verbindende Element. Heute gibt es die alte Symbiose nicht mehr, aber das nationale Interesse bleibt bestehen. Über die positiven Beziehungen zu Israel wurde bereits genug gesagt. Doch es bleibt zu erwähnen, dass auch Indiens Beziehungen zu den arabischen Staaten und zum Iran weiterhin gut sind. Zu den Staaten am Persischen Golf bestehen schon wegen der großen Zahl der indischen Gastarbeiter dort enge Beziehungen. Das sind nicht nur „Arbeiter“ im engeren Sinne, sondern auch Verwaltungsangestellte, Ärzte und Architekten etc. Im Unterschied zu den USA können die Inder hier keine Staatsbürgerschaft erwerben. Sie kehren meist nach ihrer Dienstzeit nach Indien zurück. Aber dafür treffen stets neue Inder ein, denn die Bezahlung ist sehr attraktiv. Der „Migrationshintergrund“ ist heute zu einem wichtigen Element der Weltpolitik geworden, dem mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte.
Im Zeitalter der Globalisierung beschränken sich die internationalen Beziehungen weniger als je zuvor auf die Ebene der diplomatischen Kontakte zwischen den Staaten, sondern erstrecken sich auf viele verschiedene Gebiete. Das Internet transportiert Kommunikationsströme aller Art. Auch in dieser Hinsicht ist Indien gut „vernetzt“. Unter Nutzung der Zeitdifferenz ist es möglich, Aufträge zur Erstellung spezieller Software an Programmierer in Indien am Abend in den USA zu erteilen und das fertige Produkt schon am nächsten Tag vor dem Frühstück zu erhalten. Büroarbeit kann auf dem Wege des „outsourcing“ an Schreibtischen erledigt werden, die nicht im Nebenzimmer, sondern am anderen Ende der Welt stehen. Die globale Vernetzung kann auch unmittelbaren Einfluss auf die internationale Diplomatie nehmen. Als 2002 Indien fast vor einem Krieg mit Pakistan stand und die Regierung der USA den Amerikanern, die sich in Indien aufhielten, riet, Indien zu verlassen, wandte sich die Confederation of Indian Industries, die bedeutendste Handelskammer Indiens, mit der dringenden Bitte an die indische Regierung, einzulenken, weil die Störung der Geschäftsbeziehungen zu den USA großen Schaden anrichten würde. So entwickelt sich die Weltpolitik in einer vernetzten Welt,a in der Indien bereits eine bedeutsame Rolle spielt. (Text: Prof. Dr. em. Dietmar Rothermund)