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16. Juli 2009

Iran – Gottesstaat oder Diktatur?

Rudolf Chimelli, Auslandskorrespondent der SZ

Zusammenfassung

Iran - Gottesstaat oder Diktatur?

Man sollte sich zunächst einmal deutlich machen, was die Protestbewegung nach den Wahlen vom 12. Juni nicht war: Sie war keine Revolution, sondern ein spontaner Ausbruch von Erbitterung und gleichzeitig von Hoffnungen. Obwohl sie mit der Farbe Grün hervortrat, konnte sich die Bewegung auch nicht nach dem Modell osteuropäischer Samt-Revolutionen – Orange, wie in der Ukraine oder unter einer anderen Couleur entwickeln. Die iranische Bewegung ähnelte mehr der „Saffran-Revolution“ von Burma, der „Tulpen-Revolution“ in Kirgisien“ oder der längst vergessenen „Denim-Revolution“ in Weissrussland. Alle hatten die Sympathie der westlichen Öffentlichkeit. Sie wurden rasch zur Morgenröte einer neuen Freiheit emporgejubelt, verpufften dann aber bald.

Was in Teheran sichtbar wurde, war auch nicht der Anfang eines Umsturzes wie ihn die Islamische Revolution von 1979 bewirkte. Auch damals zogen Millionen durch die Strassen. Es sah vor fünf Wochen ganz ähnlich aus. Doch diese Ähnlichkeiten waren oberflächlich. Der Revolutionsführer Chomeini hatte ein dichtes Netzwerk, das über die Moscheen die letzten Dörfer erreichte. Sein planmässiges Vorgehen – Streiks hier, Demonstrationen dort, Solidaritätserklärungen von Meinungsführern – zwangen den Schah in die Knie, zumal keine Armee lange bereit ist, im eigenen Land auf das Volk zu schiessen. Die Regimegegner von heute haben gar nichts. Keine Organisation, keine Büros, keine iranischen Medien. Um ihr Vorgehen abszusprechen, dafür hatten sie nur Mobil-Telephone sowie das Internet – und auch das bald nicht mehr, wovon nicht die Rede sein wird. Auf der einen Seite waren die Träume, auf der anderen die geballte Staatsmacht mit den sogenannten Ordnungskräften, den Geheimdiensten und der Justiz.

Unser fernsehgeschultes Publikum braucht seinen Helden der Woche. Auf diese Weise konnte ein Mann die der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir Hussein Mussawi, den einen Monat zuvor nicht einmal in seiner Heimat mehr jemand kannte, über Nacht zum Idol von Millionen Iranern und zur Hoffnung der vielen auf der Welt werden, die die Islamische Republik grässlich finden, aber sich über Einzelheiten wenig Gedanken machen. Mussawi kam aus dem Apparat, war nie ein Liberaler, brauchte aber nur das Zauberwort „Reform“ auszusprechen, und die rasch entschlossenen Käufer von Legenden standen Schlange. Wer im Westen darauf hinwies, die Verhältnisse seien komplizierter und die Chancen der Protestbewegung mindestens im Augenblick und für die vorhersehbare Zukunft nicht gut, machte sich nicht beliebt. Ich sprach letzte Woche mit dem iranischen Schriftsteller Amir Cheheltan ........Doch die politische Klasse, die Medien und die öffentliche Meinung wollten ihren „iranischen Obama“. Wenn immer sich Proteste gegen ein diktatorisches Regime regen, sind besonders die britischen Medien rasch mit der Bezeichung „Pro-Democracy-Movement“ bei der Hand. Die Frage, ob die Ziele der Rebellen wirklich freiheitlich sind, wird selten gestellt. Auch die Roten Khmer waren für Le Monde und andere einmal eine Befreiungsbewegung. Dass die Unterdrücker auf die sympathischen Leute, die mit zwei Fingern das V-Zeichen machten, brutal einschlugen, empörte die Iraner zwar genau so wie das Ausland. Aber sie waren davon weniger überrascht. Und hier liegt auch einer der Gründe, weshalb die Massenwegung so schnell abflaute. Wer nicht in Freiheit lebt, begreift schnell, dass es nichts nützt, sich verprügeln und einsperren zu lassen. Das hat gar nichts damit zu tun, dass die Veränderungssehnsucht der protestierenden Iraner zu schwach oder gar unberechtigt wäre.

Was wirklich stattfand – und keineswegs zu Ende ist – war ein Machtkampf zwischen er alten Garde um den Ex-Präsidenten Rafsandschani, die 1979 an die Macht kam, und sich durch die Angriffe des populistischen Präsidenten Ahmadinedschad bedroht fühlt. Rafsandschani ist ein Todfeind des Präsidenten, der ihm und seinem Clan immer wieder Korruption, Millionendiebstahl und schamlose Bereicherung auf Kosten Volkes vorwirft. Die Selbstsucht dieser Kleriker ist laut Ahmadi die Wurzel aller wirtschaftlichen Übel, an denen Iran leidet. Aber Raf ist einer der mächtigstem Männer der Landes. Er ist Vorsitzender des Expertenrates, dessen 86 Mitglieder den geistlichen Führer wählen und theoretisch auch absetzen können. Ferner ist Raf der Vorsitzende des obersten Schlichtungsrates, der Kontroversen zwischen Parlament, Verwaltung und dem geistlichen Führer aus der Welt schaffen soll. Ausserdem kontrolliert Raf sein Wirsschaftsimperium im In- und Ausland. Genau wie der ehemalige Reform-Präsident Chatami hatte Raf im Wahlkampf Mussawi unterstützt. Zusammen mit Ahmandinedschad sollte auch die wachsende Macht der Revolutionsgarden Pasdaran getroffen werden, die ihren Einfluss auf Kosten der alten Garde ausgebaut haben. Raf sieht die Gefahr, dass er an den Rand gedrängt werden könnte. Auf der anderen Seite konzentrieren sich die meisten Hoffnungen auf einen Kompromiss, mit dem der Wahlstreit beigelegt werden könnte, auf ihn. Er wird morgen die Freitagspredigt in der Universität Teheran halten, die vom Fernsehen übertragen wird und richtungsweisend für das Land ist. Man darf darauf gespannt sein, was er sagt.

Der geistliche Führer Ali Chamenei sollte eigentlich über dem politischen Tagesstreit stehen. Doch er ergriff eindeutig Partei für Ahmadinedschad. Sein Prestige, das unter Theologen immer gering war, und seine Autorität haben dadurch gewaltig verloren. Jede Kritik an Ahmadi, jeder Zweifel am Wahlergebnis richtet sich nun automatisch gegen ihn. Seine Stellung wird weiter dadurch erschüttert, dass eine Reihe führender Kleriker, die im Rang weit über ihm stehen, sich gegen seine Haltung ausgesprochen haben. Zuletzt hat in der vergangen Woche Ayatollah Montaseri, einer der ganz grossen schiitischen Theologen, in einer Glaubensentscheidung den Wahlschwindel verdammt und ein Regime, das sich auf falsche Grundlagen stützt, als illegitim bezeichnet. Seine Anordnungen seien für die Gläubigen nicht mehr verpflichtend. Sie auszuführen, könne Sünde sein. Offensichtlich ist die Hierarchie, die hinter dem Regime steht, zutiefst gespalten. Wie der Riss überwunden oder geheilt werden könnte, ist nicht ersichtlich. Wie Ahmadi mit verminderter Autorität vier weitere Jahre regieren kann, ist ebenfalls unklar. Aber es wäre völlig falsch, daraus auf einen bevorstehenden Sturz zu schliessen. Das will niemand, nicht Raf , nicht Ahamadis Konkurrenten Mussawi, Karrubi oder Resai. Alle sitzen in einem Boot, und niemand wünscht sich, dass es kippt.

In der Wahlkampagne, in den Protesten gegen das Resultat, aber auch in ihrer Niederschlagung spielte zum ersten Mal die Elektronik eine entscheidende Rolle. Die iranischen Geheimdienste gingen daraus eindeutig als Sieger hervor. Teherans Internet-Polizei dürfte eine der effizientesten der Welt sein. Die Regimegegner, Flickr und andere, um die Aktion ihrer entstehenden Bewegung zu organsieren. Sie konnten nicht wissen, dass die Geheimdienste schon Monate zuvor Vorkehrungen getroffen hatten, um die Kommunikation der Gegner zu unterlaufen und zu torpedieren. Ursprünglich in den Siebzigerjahren von den Israeli für den Schah eingerichtet, wurde das Überwachungszentrum zuletzt von Siemens und Nokia technisch auf den neuesten Stand gebracht. Das Zentrum enthält die modernsten Anlagen weltweit, um Internet-Botschaften und Mobil-Telephone zu kontrollieren, überwachen, zensieren und ihren Inhalt zu verändern. In den Wochen vor der Wahl waren die Anlagen genutzt worden, um Durchdringung iranischer Netze durch ausländische Nachrichtendienste, ihre örtlichen Agenten und politische Dissidenten zu identifizieren. Sofort nach der Wahl übernahm Teherans Internet-Kontrolle die zehn wichtigsten Provider des Landes. Als erstes setzten sie die Geschwindigkeit des Cyber-Verkehrs in beiden Richtungen von 1500 Kilobytes auf 54 Kilobytes herab, um sicherzustellen, dass den Überwachern keine einzige Botschaft von Anführern der Proteste entging. Das System stützt sich auf Deep Packet Inspection jeder Art von Texten oder Bildern. Schlüsselwörter wie Angriff, Waffen, Geld, Treffen, Demonstration werden wie in anderen modernen Systemen binnen Millisekunden ausgefiltert. Absender und Empfänger werden auf zur speziellen Überwachung herausgesucht. Wenn Regimegegner durch die gefundenen Daten identifiziert waren, wurden sie nicht sofort verhaftet, sondern der Geheimdienst unterwanderte ihre Computer und Mobil-Telephone, um andere Aktivisten aufzuspüren, die noch unverdächtig waren, oder um falsche Spuren zu legen. Unter dem Eindruck des Geschehenen ordnete der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates am 24. Juni die Schaffung eines Schutz-Systems für sie sieben Millionen Computer und die 15 000 Netz-Seiten der US-Streitkräfte an.

Die Briten gerieten unter besonderen Verdacht der iranischen Geheimdienste, die Proteste zu unerstützen. Dissidenten erhielten schnell Londoner Telephonnummern, um die Teheraner Sperren und Netz-Verlangsamungen zu unterlaufen. Sie erhielten dadurch direkten Zugang zu westlichen Internet-Providern, um ihre Botschaften in die Welt zu bringen. Binnen Tagen waren die britischen Nummern überlastet. Nachträglich wurde festgestellt, dass die grosse Mehrheit der 30 000 Tweets, die in den drei Tagen nach der Wahl von iranischen Teilnehmern ausgesandt wurden, über einige wenige Konten liefen. Sie waren alle am Tag nach der Wahl, dem 13. Juni, eingerichtet worden. Die Folge des Krieges im Netz war, dass unabhängige Nachrichten aus Iran im Laufe der jüngsten Zeit fortlaufend austrockneten. Jetzt kommt fast nichts mehr aus Teheran.

Es ist nützlich, sich daran zu erinnern, dass sowohl Mussawi als auch die beiden anderen Kandidaten keinen Zweifel daran liessen, dass sie Irans Atomprogramm fortsetzen würden. Ganz sicher hätten sie sich in der Form konzilianter verhalten als Ahmadi, aber in der Substanz hätten auch sie nichts nachgegeben. Das dieses Thema im Mittelpunkt des Zwistes zwischen dem Westen und der Islamischen Republik steht, sollten wir uns damit etwas ausführlicher befassen.
Schon der Schah hatte gesagt, dass er bald Atomwaffen haben werde (obwohl er auch dabei den Mund zu voll nahm). Sein ziviles Atomprogramm für den Bau von 22 Atomkraftwerken hatte damals, auch mit seinen militärischen Weiterungsmöglichkeiten, westliche Unterstützung, vor allem die der USA. Während Chomeini offenbar kein Interesse am Atom hatte und die Arbeiten am Kraftwerk Buschehr, das von Siemens-KWU gebaut wurde, unmittelbar nach der Revolution einstellen liess, bestellte der zweite Mann des Revolutionsrates, Ayatollah Beheschti, schon im Mai 1979, nur drei Monate nach dem Umsturz, einen der führenden Atomwissenschaftler des Schahs, Feridun Fescharaki, zu sich. Der Doktor fürchtete, er werde verhört, eingesperrt, vielleicht hingerichtet werden so wie es vielen Prominenten des alten Regimes in den ersten Stunden der Revolution geschah. „Es ist Ihre Pflicht, diese Bombe für die Islamische Republik zu bauen“, sagte ihm Beheschti. Fescharaki reist ins Ausland, angeblich um geflohene Kollegen anzuwerben, kam aber selber erst nach Jahren zurück. Beheschti wiederum kam bald darauf bei einem Bombenattentat ums Leben. Im Juli 1988, in der Endphase des Krieges mit dem Irak, erhielt Chomeini einen Bericht des Pasdaran-Kommandeurs Mohsen Resaie – er liebäugelt heute mit einer Präsidentschaftskandidatur - in dem dieser seine Verzweiflung über den Verlauf des Kriegs aussprach und betonte, für einen Sieg brauche Iran moderne Waffen, auch Atomwaffen. Selbst dann wäre dieser Sieg erst in Jahren möglich. Chomeini ging in die umgekehrte Richtung und akzeptierte die Sicherheitsrats-Resolution 598 für einen Waffenstillstand. Es war für ihn, wie er sagte, „als ob er einen Giftbecher tränke“. Zehn Monate später starb er als gebrochener Mann.

Es gibt viele Iraner, die das Atomprogramm ihres Landes zu teuer finden, dass es nicht lohnt, es sich deshalb mit der ganzen Welt zu verderben, dass die Sanktionen immer fühlbarer werden. Aber es gibt kaum jemand, der die Berechtigung des Programms moralisch anzweifelt, auch nicht Irans Recht auf Atomwaffen. Die Israeli haben sie, die Russen haben sie, die Amerikaner haben sie und sind noch dazu militärisch von Oman über den Golf, den Irak, die Türkei, Aserbeidschan, Zentralasien, Afghanistan rund um Iran präsent, so wird sofort argumentiert. Auch die Inder haben sie und die instabilen Pakistaner. Warum also nicht Iran, das noch dazu in den letzten zweihundert Jahren niemand angegriffen hat? Als unter Präsident Rafsandschani das Atomprogramm wieder aufgenommen wurde, wollte Teheran den Auftrag zur Fertigstellung von Buschehr zunächst an Siemens erteilen. Doch die Deutschen winkten ab, auf amerikanischen Rat. Heute tut es Fachleuten in der westlichen Welt leid, dass sie auf diese Weise jeden direkten Einblick in Irans Atomwirtschaft verloren haben. Dieses Programm ist darauf angelegt, den gesamten Zyklus zu entwickeln: Förderung von Uranerz, wofür es bei Saghand drei Bergewerke gibt; die Transformation von Roherz in sogenannten Yellow Cake und weiter in radioaktives Hexafluoridgas (durch das vom Fernsehen wohlbekannte Werk von Isfahan); die Anreicherung zu Uran 235 durch Zentrifugen, von denen in der unterirdischen Anlage von Natans derzeit schätzungsweise 7 000 laufen, geplant sind 60 000 (in zwei Versuchs-Ateliers in Teheran und Laschkarabad wird ferner mit der effizienteren Anreicherung durch Laser experimentiert); nächster Schritt wäre die Verwendung in Reaktoren, von denen Iran bisher keine hat, denn Buschehr soll von den Russen mit Brennstäben versorgt werden, und als letzter Schritt die Wiederaufbereitung verbrauchter Elemente. Der Zyklus ist darauf angelegt, Iran technisch auf die Schwelle von Japan, Brasilien, Deutschland und einer Reihe anderer Länder zu heben und damit atomwaffenfähig zu machen. Die Entscheidung , brauchen die Iraner derzeit nicht zu treffen: Nach den besten Analysen sind sie von dieser Stufe noch Jahre entfernt. Das Quantum des bisher produzierten schwach angereicherten Materials reicht dazu längst nicht aus.

Was aber könnte Iran mit Atomwaffen anfangen? Aktiv sehr wenig. Die am häufigsten beschworene Variante, Israel zu bombardieren, wäre kaum realisierbar. Die iranische Bomberflotte ist klein, uralt oder besteht aus dem Eigenbau Saeghe nach dem amerikanischen F-5 Tiger aus den Fünfzigerjahren. Ohne Auftanken in der Luft, wozu die Iraner auf diese Distanz nicht in der Lage sind, könnten sie das Mittelmeer nicht erreichen. Von den iranischen Mittelstreckenraketen Schahab und ihren pakistanischen sowie koreanischen Mustern sind bisher, stets auf Versuchsflügen, nur etwa zwei Dutzend abgefeuert worden, mit vielfach enttäuschenden Ergebnissen.. Sie könnten ebenso gut auf Damaskus, Amman, Kairo oder Gasa fallen wie auf Tel Aviv. Frankreichs letzter Präsident Chirac dürfte wenig übertrieben haben mit seiner Einschätzung, dass Teheran 40 Sekunden nach dem Start einer Atomrakete durch den Gegenschlag den Erdboden gleich gemacht wäre. Jede Verwendung der iranischen Atombombe würde den Selbstmord des Regimes bedeuten, das bisher immer sorgfältig auf sein Überleben bedacht war. Bezeichnenderweise tragen die am weitesten entfernten USA die grösste Besorgnis zur Schau, Irans Nachbarn weniger. Zwar scheuen sie ganz allgemein Hegemonie Teherans, aber vor der Bombe fürchten sie sich so wenig wie seinerzeit vor den Massenvernichtungswaffen Saddams. Das nüchterne Urteil der Israeli brachte der frühere Aussenminister Schlomo Ben-Ami sehr präzis vor etwa zwei Jahren in der NZZ ( 8.12.06) zum Ausdruck, indem er sagte: „Meiner Einschätzung nach haben die Iraner keinen objektiven Beweggrund, Israel anzugreifen. Weder teilen wir mit ihnen eine gemeinsame Grenze noch haben wir bilaterale Streitigkeiten.“ Und weiter: „Die Palästinenser sind für Iran kein Grund, einen Krieg anzuzetteln, und die Iraner würden niemals für die Palästinenser kämpfen.“ Sie hielten den israelisch-palästinensischen Konflikt nur deshalb am Leben, um die arabischen Massen zu mobilisieren. Deshalb stehe Teheran dem Friedensprozess sogar feindlicher gegenüber als Israel selber. „Ein arabisch-israelischer Frieden wäre eine ernsthafte Bedrohung für Iran, denn der natürliche Feind Irans ist die arabische Welt, nicht Israel.“ Ausserdem sollte man die Grunddaten nicht aus den Augen verlieren. Das iranische Verteidigungsbudget beträgt etwas mehr als die Hälfte des israelischen oder 2 Prozent des amerikanischen. Das Bruttosozialprodukt Irans macht ein Prozent des amerikanischen aus.

Doch die passive Wirkung iranischer Atomwaffen wäre ungeheuer. Die Islamische Republik wäre durch einen konventionellen Krieg nicht mehr besiegbar, nicht nur wie jetzt, da sich die USA keinen zusätzlichen Konflikt leisten wollen, sondern zur sunnitischen Bombe der Pakistaner - stünde das Land sichtbar über Saudi-Arabien, Ägypten oder der Türkei.

Irans Verteidigungskonzept, falls es dennoch zum Konflikt käme, beruht deshalb nicht auf Atomwaffen, sondern auf der Idee des assymetrischen Krieges. Das dafür benötigte Material ist nicht teuer, und Iran gibt nur 2,5 Prozent seines BNP für Verteidigung aus. Für den schwarmartigen Angriff vieler Einzelkämpfer oder kleiner Einheiten auf hoch technisierte Ziele sind tausende kleiner Raketen mit kurzer oder mittlerer Reichweite entlang der Golfküste und der irakischen Grenze im Boden vergraben oder in Höhlen verborgen, ebenso Geschütze und Panzer. Sie können binnen Minuten aktionsbereit sein und ebenso schnell wieder verschwinden. Nach Ansicht von Experten wäre kein Gegner in der Lage, dieses Arsenal durch Präventivschläge auszuschalten. Die Iraner haben viel aus den Kriegen im Irak gelernt, vielleicht noch mehr aus dem israelischen Libanon-Feldzug. Fast alle amerikanischen Nachschubwege im Irak liegen im Bereich der iranischen Waffen. Noch verwundbarer sind die Tanker und Kriegsflotten im Golf. Dessen Ausgang, die Strasse von Hormus, ist nur 35 Kilometer breit, ein Gewässer, das die iranischen Silkworm-Raketen chinesischer Bauart und die Schwärme von Schnellbooten rasch bis zum Siedepunkt erhitzen könnten. Die arabischen Nachbarn auf der anderen Seite des Golfs ist klar: Wird Iran angegriffen, ist auch ihr Erdöl in Gefahr.

Will man ein Land verstehen, so nähert man sich am besten nicht von der politischen, sondern von der menschlichen Seite. Wenn zum Beispiel ein Perser alter Denkungsart gut gespeist hat, dann kann es vorkommen, dass er dem Herrn mit einem kurzen Gebet dankt, das mit der ganz unislamischen Formel endet: „Und wir danken dir, dass du uns nicht als Türken erschaffen hast.“ Damit sind nicht, oder nicht in erster Linie die Bürger der benachbarten Türkei gemeint, obwohl Türken ganz allgemein unter Persern gern als Tölpel belächelt werden, als „Esel“, deren türkischer Verstand nach einer anderen Redensart erst am Nachmittag kommt. Gemeint sind vielmehr die iranischen Aserbeidschaner, die in der Alltagssprache ebenfallsl einfach „Türken“ genannt werden. Deshalb konnte ich im Eingangssatz nicht sagen „wenn ein Iraner gut gespeist hat“, denn selbstverständlich würde ein Aserbeidschaner diesen Ausdruck nicht gebrauchen, auch kaum ein Angehöriger einer anderen Volksgruppe Irans. Gleichwohl ist dieser Spott nicht bloss bezeichnend für das Selbstbewusstsein der Perser, sondern paradoxerweise aller Iraner. Denn die offizielle Bezeichnung Iran statt Persien hat sich durchgesetzt, obwohl sie noch nicht einmal ein Jahrhundert alt ist. Jeder spricht ganz selbstverständlich von Iran und nennt sich selber Iraner, auch wenn er ethnisch Aserbeidschaner, Armenier, Turkmene, Kurde oder Jude ist. Letzterer sogar mit besonderer Berechtigung, denn die Juden sind seit 2,5 tausend Jahren hier, seit der Befreiung aus Babylonischer Gefangenschaft durch den persischen Schah Kyrus. Trotz starker Auswanderung seit der islamischen Revolution haben die 25 000 verbliebenen iranischen Juden weiterhin ein blühendes Gemeindeleben und – ex officio – einen Abgeordneten im Parlament (die Anhänger der altpersischen Zaratustra-Relgion ebenfalls, die armenischen und die chaldäisch-assyrischen Christen drei). Obwohl es gelegentlich Unruhe gibt, besonders unter Arabern der Erdöl-Provinz Chusistan, unter Kurden oder unter Belutschen im unsicheren Grenzgebiet zu Pakistan, funktioniert der Vielvölkerstaat, in dem die Perser nur gut die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Er funktioniert nicht zuletzt weil die Aserbeidschaner, rund 16 Millionen oder ein Viertel der 70 Millionen Iraner, alles andere als vernachlässigt sind. Der geistliche Führer, Ayatollah Ali Chamenei, ist aserbeidschanischer Herkunft. Im hohen Klerus, in der Verwaltung, im Militär, im Geschäft, auch im Teheraner Basar sind die Aserbeidschaner stark vertreten. Sogar in der nationalen Fussballmannschaft wird auf Proporz geachtet. Dort stellen sie traditionell die Verteidiger. Aserbeidschaner sind Schiiten wie die Perser, das ist wichtig, nicht Sunniten wie die Türken in der Türkei und die meisten Araber. Historisch stand Aserbeidschan an der Spitze der iranischen Bestrebungen für Reform und Demokratie. Die Revolution von 1906, welche die erste persische Verfassung hervorbrachte, wurde wesentlich von Aserbeidschanern getragen.

Es macht den Iranern nichts aus, anders zu sein. Iran hat seine eigene Uhrzeit, um eine halbe Stunde verschoben gegenüber den Nachbarländern und dem grössten Teil der Welt. Wenn es zwölf Uhr ist in Westeuropa, ein Uhr in Istanbul, Kairo und Kuweit, zwei Uhr in Bagdad und Oman, drei Uhr in Karatschi, dann ist es halb drei in Teheran. Die Iraner haben auch einen eigenen Kalender. Sie leben im Jahr 1388, die meisten anderen Muslime schon im Jahr 1430. Alle zählen nach der Hidschra, dem Auszug des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Doch die Iraner rechnen in Sonnenjahren zu 365 Tagen, die anderen in Mondjahren zu 354 Tagen. Mit dem Islam haben die Iraner die arabische Schrift übernommen, aber im Gegensatz zu den meisten von den Arabern unterworfenen Völkern nicht die Sprache. Eine iranische Zeitung ist durch ihr Schriftbild auf den ersten Blick von einer arabischen zu unterscheiden. Der grosse klassische Dichter Ferdousi legte in seinem Schahnameh Wert darauf, kein einziges arabisches Lehnwort zu verwenden. Der Stolz auf die nationale Sprache ist so gross, dass selbst ältere Analphabeten Passagen aus Ferdousi und anderen Klassikern rezitieren können. Farsi ist eine indogermanische Sprache, die durch Struktur und oft Vokabular dem Deutschen näher steht als dem Arabischen („Dochtar“ ist Mädchen, „Madar“ ist Mutter, „Baradar“ ist Bruder). Nichts irritiert Iraner so sehr als wenn ein Westler ihre geographisch-historisch-national-kulturelle Sonderstellung nicht erkennt und sie für Araber hält. Analog zur Herablassung für die Türken gibt es auch eine Beschimpfung für Araber, speziell Iraker. Sie werden „Heuschreckenfresser“ genannt. Tatsächlich kann man in jedem irakischen Basar aus grossen Säcken getrocknete Heuschrecken kaufen. Sie sehen aus wie getrocknete Krabben und schmecken wahrscheinlich nicht viel anders.

Die Väter der Revolution von 1979 wollten die Islamische Republik Iran ursprünglich zum Schrittmacher einer Bewegung für die gesamte islamische Welt machen. Für einen solchen Revolutionsexport war die sunnitische Mehrheit nicht empfänglich. Und ohnehin trat in Iran, spätestens durch den Krieg gegen den Irak, das nationale Element rasch wieder in den Vordergrund. Arabisch ist ungeliebtes und schnell wieder vergessenes Pflichtfach in den Schulen wie einst das Russische im Ostblock. In populären Gesängen wird nicht der Islam gerühmt, sondern immer „Iran, Iran“. Das höchste Fest ist Naurus, Neujahr, das nach altpersischem zoroastrischen Brauch zum Frühlingsbeginn am 21. März gefeiert wird. Danach ruht fast zwei Wochen lang alles, auch die Politik. Keine Zeitung erscheint, Ministerien, Behörden, Schulen und viele Geschäfte haben geschlossen. Versuche der islamischen Obrigkeit, an diesen heidnischen Brauch zu rühren, waren aussichtslos. Bei aller Frömmigkeit ist die Mehrheit des Volkes davon überzeugt, dass der Islam erst zur hohen Zivilisation werden konnte, nachdem er sich das persische Erbe mit dessen Kunst, Architektur, Handwerk angeeignet hatte.

Dieses ausgeprägte iranische Selbstgefühl ist ein eminent politisches Faktum, bestimmend für die Aktualität und die aussenpolitischen Konflikte. Jeder Iraner findet es normal, das sein Land durch Grösse, Bevölkerungszahl, Wirtschaftskraft und zivilisatorisches Potential zur regionalen Vormacht bestimmt ist. Von anderen wird iranisches Selbstbewusstsein oft als übersteigert, ja als Arroganz empfunden. Es existiert bezeichnenderweise ganz unabhängig von der jeweiligen Staatsform. Ich erinnere mich gut an ein Interview, das der letzte Schah in den Siebzigerjahren, wenige Jahre vor seinem Sturz, der Nachrichtenagentur AP gab. Darin sagte er mehr oder weniger wörtlich: „Iran ist schon jetzt ein entwickelter Sozialstaat wie Schweden. In wenigen Jahren werden wir eine Industriemacht wie Japan sein.“ Offensichtlich kannte er sein eigenes Land nicht. Wie auch immer, dieses Selbstgefühl hat tiefe Wurzeln. Eine davon ist die lange Geschichte. Ihr erster Höhepunkt waren vor zweieinhalb tausend Jahren die antiken Grossreiche des Darius und des Xerxes. Sie waren in Ausdehnung und nach Einwohnerzahl grösser als das römische Imperium der Kaiserzeit. Bauwerke wie die Ruinen von Persepolis zeugen davon. In ihren Verlängerungen hielten die persischen Reiche bis zur Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert.

Die zweite Säule des Selbstgefühls ist die Religion. Volk und Kultur Irans sind in über tausend Jahren vom Islam geprägt worden, aber auch dabei gingen die Perser einen Sonderweg, der letztlich für das Entstehen der heutigen Staatsform bedeutsam wurde. Die Spaltung zwischen Sunna und Schia begann mit einem dynastischen Streit über die Nachfolge des Propheten. Eine einflussreiche Mehrheit der Gläubigen setzte sich nach dem Tod Mohammeds mit der Praxis durch, einen Kalifen (Stellvertreter) als geistlichen und weltlichen Führer der Gemeinschaft zu wählen. Aus dieser Sunna (Gewohnheit) entwickelte sich die Glaubensrichtung der Sunniten, der neun Zehntel aller Muslime angehören. Eine Minderheit, genannt die Schia (Partei) Alis, stellte dem die Auffassung entgegen, dass allein der Neffe und Schwiegersohn des Propheten – beziehungsweise später dessen Nachkommen - berechtigt sei, die Gemeinschaft zu führen. Zwar wurde Ali vierter Kalif. Aber er fiel schon nach wenigen Jahren einem Mordanschlag zum Opfer. Sein Sohn Hussein kam zusammen mit 70 Angehörigen und Gefährten in der Schlacht von Kerbela, im heutigen Irak, ums Leben. Er kämpfte gegen einen sunnitischen Rivalen, der in den Augen der Schiiten ein Usurpator ist. Gerade weil die Nachkommen von Husseins einzigem Sohn, der das Massaker überlebte, nie an die Macht kamen, wurden sie für ihre Gemeinde zu Trägern einer unwiderlegbaren inneren Wahrheit, ausgestattet mit der Befähigung zu höheren Einsichten. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten Sunniten und Schiiten unterschiedliche Mentalitäten und Glaubenspraktiken. Für letztere wurde die Tradition von Kerbela zum Märtyrerkult. Am sichtbarsten wird dieser in den Passionsspielen und Flagellantenprozession des Trauermonats Moharram, am wirksamsten indessen in der tief verwurzelten Überzeugung, dass Blutopfer und Niederlage als Zeichen dafür verstanden werden, auf dem rechten, Gott gefälligen Weg zu sein. Während die Sunniten, für die alle Gläubigen gleich sind, keine theologische Hierarchie kennen, haben die Schiiten eine Klasse von Berufsklerikern hervorgebracht, die in den hohen Rängen oft von Generation zu Generation miteinander verwandt sind. Ihre Schicht stellt in der Islamischen Republik einen erheblichen Teil der Amtsträger. Oberste moralische Autorität sind die Ayatollahs. Weitaus die meisten von ihnen lehnen eine politische Rolle ab, hingegen beansprucht eine sehr sichtbare Minderheit dazu politische Autorität. So war es nach der Revolution 27 Jahre lang. Es ist vielleicht im Ausland zu wenig beachtet worden, dass mit dem radikalen Präsidenten Ahmadinedschad erstmals ein Nicht-Theologe in die obersten Macht-Etagen vorgerückt ist, ein Technokrat, der eine ganze Riege von jüngeren Laien und Kommandeuren aus der Parallelarmee der Pasdaran, der Revolutionswächter, an den Schalthebeln platziert hat. Oft sind sie seine Kameraden aus dem Krieg gegen den Irak. In den Ministerien, im Parlament, unter den Provinzgouverneuren, im Machtapparat generell sind sie inzwischen die stärkste Fraktion. Es ist ein Generationswechsel, aber noch mehr, nämlich Ausdruck einer stillen Revolte der kleinbürgerlichen und materiell schlecht gestellten Mittelschicht gegen die Honoratioren und deren Privilegien. Das Wort „Mullah-Regime“ trifft nicht mehr ganz zu.

Die dritte Säule des Selbstbewusstseins ist der lange Widerstand gegen fremde Beherrschung. Britischer und russischer Imperialismus hielten sich im 19. Jahrhundert die Waage. Keine der beiden Mächte konnte das Land unter seine Kontrolle bringen, ohne dass es darüber zum Krieg gekommen wäre. Formell konnte Iran, damals Persien, somit unabhängig bleiben. Dennoch schritt die koloniale und halbkoloniale Durchdringung mit anderen Mitteln fort: Konzessionen, Kapitulationen, Handels- und Zollprivilegien, finanziellem Druck durch Anleihen oder deren Verweigerung. Schliesslich einigten sich London und Petersburg auf die Teilung Persiens in drei Einflusszonen: der Norden und die Mitte mit Teheran für die Russen, der Südosten für die Briten, dazwischen eine neutrale Zone. Die Perser wurden nicht konsultiert. Als Hauptfeind empfanden sie meistens die Briten. Zwar hatten die Russen den Iranern schon im frühen 19. Jahrhundert den nördlichen Teil von Aserbeidschan mit der Hauptstadt Baku sowie Georgien und andere Kaukasusgebiete weggenommen, doch das war verschmerzt. Die Russen sollten erst im 20. Jahrhundert wieder in Erscheinung treten. Einige Stationen dieses Ringens müssen erwähnt werden:

So hatte der Schah, der stets in Geldnöten war, 1890 das einträgliche Tabakmonopol unter dem Druck des britischen Gesandten an einen britischen Untertan vergeben. Produktion, Verkauf, Export allen Tabaks lagen hinfort allein in dessen Händen. Sowohl frühe Nationalisten, Pan-Islamisten und Kleriker protestierten. Der in der ganzen islamischen Welt angesehene Reformer al-Afghani verurteilte aus Istanbul in einem historischen Brief den Schah und forderte, „den Ausverkauf Persiens“ zu beenden. Landesweit kam es zum Tabak-Boykott, an dem sich auch Nicht-Muslime, ja sogar die Frauen des Schahs beteiligten. Bei der Unterdrückung von Demonstrationen gab es Tote. Als die Teheraner Regierung die Konzession 1892 widerrief, musste sie von der British Imperial Bank die für damalige Verhältnisse enorme Summe von 500 000 Pfund leihen, um die Eigentümer zu entschädigen: Persien hatte seine erste Auslandsschuld. Folgenreicher war, dass die Tabak-Proteste in die Verfassungsbewegung mündeten, die zur Einberufung des ersten Parlaments 1906 führte.

Materiell viel umfassender war die erste Erdöl-Konzession, die der Schah 1901 an den Briten William Knox d´Arcy vergab – für das Trinkgeld von 10 000 Pfund. Sie galt für das gesamte Staatsgebiet, die nördlichen Provinzen ausgenommen. Den Text des Vertrags übergab der britische Gesandte dem Vertreter des Zaren in Teheran gerade als er wusste, dass der Übersetzer für Russisch in Urlaub war. Öl floss zuerst 1908 im Süden, die Anglo-Persian Oil Company wurde gegründet, im nahen Abadan entstand die bald grösste Raffinerie der Erde. 1912 stellte die britische Marine unter Kommando des Ersten Lords der Admiralität Winston Churchill von Kohle auf Ölfeuerung um. 1914 erwarb die britische Regierung die Aktienmehrheit an der Anglo-Persian. Abadan hiess damals noch Muhammerah, sein örtlicher arabischer Herrscher war Scheich Ghasal, der in seinen Streben, sich aus persischer Souveränität zu lösen, von London gefördert wurde. Den Briten schwebte auch am östlichen Ufer des Schatt-el-Arab ein unabhängiges Gebilde unter ihrem Einfluss vor wie westlich Kuweit. Doch daraus wurde nichts. Der diktatorische Resa-Schah lud Scheich Ghasal zu Verhandlungen nach Teheran ein – und liess ihn aufhängen. Ohne sein Erdöl wäre Iran ein zu jeder Entwicklung unfähiger politischer Zwerg geblieben. Doch das rüde Vorgehen des Schahs änderte noch auf Jahrzehnte nichts daran, dass die Anglo-Persian, später Anglo-Iranian Oil Company ein Staat im Staate blieb und den Löwenanteil aller Gewinne einstrich. Das Bild wäre unvollständig ohne den Hinweis, dass Russen und Briten von 1870 bis in die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts den Bau einer transiranischen Eisenbahn erfolgreich verhinderten. Beide Mächte sahen darin eine Bedrohung ihrer Position. Als Resa-Schah die Bahn dennoch gebaut hatte, war dies in den Augen der Iraner eine nationale Grosstat.

Während beider Weltkriege war das Land in seinen strategisch wichtigen Gebieten von Briten und Russen besetzt. Übrigens hatten auch die Deutschen 1939 in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Ribbentrop-Stalin-Abkommen anerkannt, dass die Hauptexpansionslinie der Sowjetunion vom Kaukasus südlich in Richtung auf den Persischen Golf liege. Moskau nutzte die Gelegenheit, um in seiner Besatzungszone zwei schein-unabhängige Staaten aufzuziehen. Iranisch-Aserbeidschan wurde zu einer kommunistisch geführten Satelliten-Republik mit der Hauptstadt Tabris. Doch nach dem Krieg gelang es einem der letzten grossen, listenreichen Wesire alter Schule, Kawam as-Saltaneh, die Sowjets mit einem Trick zum Rückzug ihrer Truppen zu bewegen: Er versprach den Russen als Gegenleistung Erdölkonzessionen in anderen Teilen Irans. Aber er wusste bereits, dass das Parlament eine Verfassungsänderung vorbereitete, die Konzessionen an fremde Mächte für alle Zeiten verbot. Und er hatte sich der militärischen Unterstützung des amerikanischen Präsidenten Truman versichert, falls die Russen versuchen sollten, zurückzukehren. Ohne sowjetische Korsettstangen brach das separatistische Aserbeidschan alsbald zusammen. Auch eine unabhängige Republik Kurdistan, welche die Russen – diesmal gestützt auf traditionell-nationale Führer – mit der Hauptstadt Mahabad etabliert hatten, erledigte die iranische Armee danach mit eigener Kraft.

Alles Geschehene war nur ein Vorspiel zu dem grossen Konflikt, der 1951 bis 1953 zwischen den Briten und Iran über die Nationalisierung des Erdöls ausbrach. Die Verstaatlichung der wichtigsten Ressource des Landes, war eine Forderung, über die alle Iraner einig waren. Jahrelange Verhandlungen mit London über die Verbesserung der Konditionen waren gescheitert. Die Nettogewinne der AOIC in den fünf Jahren zwischen 1945 und 1950 hatten nach Steuern, Abschreibungen und den Zahlungen an Teheran 250 Millionen Pfund betragen, der Anteil der Iraner nur 90 Millionen Pfund. Das war weniger als das, was die AOIC an Steuern an die britische Regierung zahlte. Zum ersten und letzten Mal hatte Iran indessen zu jener Zeit unter dem bürgerlichen Nationalisten Mohammed Mossadegh eine frei gewählte demokratische Regierung. Mit grosser Mehrheit beschloss das Parlament die Verstaatlichung und bot gleichzeitig Entschädigung an. London klagte beim Internationalen Gericht in Den Haag, der sich für unzuständig erklärte, aber das Recht Irans auf Verstaatlichung grundsätzlich bestätigte. Gleichwohl verhängten die Briten einen Boykott gegen das nationalisierte iranische Öl, dem sich die grossen internationalen Gesellschaften anschlossen. Nur einige japanische und italienische Blockadebrecher entgingen den britischen Kanonenbooten im Golf. Die USA versuchten anfangs zu vermitteln, wurden aber im beginnenden Kalten Krieg immer ablehnender gegen Nationalisierungen. Geschickte Propaganda stellte Mossadegh als gefährlichen Fanatiker dar, der Iran den Sowjets ausliefern wolle – was er nicht war. Fast ohne Erdöleinkünfte, verschlechterte sich die wirtschaftliche und soziale Lage Irans rapide. Zusammen mit den Briten heckte die CIA ein Komplott aus, um Mossadegh zu stürzen. Chef der CIA war in der Administration Eisenhower Alan Dulles, der Bruder von Aussenminister John Foster Dulles. Vor Ort wurde der Coup in Teheran von Kermit Roosevelt, einem Enkel von Präsident Theodore Roosevelt, organisiert. Im August schlugen Militärs los. Der Schah, der bereits nach Rom geflohen war, kehrte zurück. Mossadegh wurde verhaftet, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und starb in innerer Verbannung. Im Gedächtnis iranischer Demokraten aller Richtungen, auch fortschrittlicher Muslime, ist er bis heute ein einsamer Nationalheld. Dass sein Grab für sie zu einer Art Wallfahrtsstätte wurde, missfällt konservativen Klerikern, aber sie können es nicht verhindern. Auf den Putsch folgten zweieinhalb Jahrzehnte brutaler Geheimdienstherrschaft. Durch seine Savak eliminierte der Schah so gut wie alle wirklichen und potentiellen Gegner, vor allem aber sämtliche Ansätze zu einer konstruktiven Opposition. Übrig blieben allein linke Untergrundgruppen und das fundamentalistische Netzwerk in den Moscheen. Die Saat für die Islamische Revolution von 1979 und ihre von Anfang an anti-amerikanische Stossrichtung war gelegt. Auch das Misstrauen gegen westliche Reden über Menschenwürde und Freiheit geht auf den Militärputsch gegen Mossadegh zurück. Ohne Ahnung von der traumatischen Erfahrung, die der Sturz Mossadeghs und das gewaltsame Ende der Demokratie für Generationen von Iranern bedeuten, sind die Vorgänge von heute nicht zu verstehen. Politische Amokläufe wie die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und das Festhalten der Diplomaten für 444 Tage sind durch dieses Trauma zu erklären – wenn auch nicht zu entschuldigen. Die Folgen waren verheerend. Das Verhältnis zu den USA, die an der jungen Islamischen Republik zunächst gute Seiten entdeckt hatte, war auf ein Menschenalter zerstört: Denn die Sowjetunion existierte noch, und das Revolutionsregime stand den atheistischen Kommunisten noch feindlicher gegenüber als der Schah.

Als Saddam Hussein im September 1980 angriff, hatte Iran schon fast keinen Freund mehr. Der Iraker konnte hoffen, dass das von inneren Zwisten gebeutelte Regime zusammenbrechen würde wie ein Kartenhaus. Aber er täuschte sich. Gegen den äusseren Feind, der zugleich der alte arabische Feind war, standen die Iraner zusammen. Wenn ein Ereignis in der kollektiven Erinnerung vielleicht noch tiefere Erinnerungen hinterlassen hat als der Putsch gegen Mossadegh, dann ist es dieser Krieg. Die Menschenverluste waren nicht so hoch wie oft angenommen. Es fielen 267 000 Soldaten. Die jungen Freiwilligen der Bassidsch, oft noch Kinder, die ohne Ausbildung ins Feuer und in die Minenfelder rannten, dürften in dieser Zahl nicht enthalten sein, die gefallenen Pasdaran möglicherweise auch nicht. Dennoch gibt es in jenen Schichten, die für den Revolutionsführer Chomeini marschiert waren und später Ahmadinedschad hervorbrachten, wenig Familien, die keinen Angehörigen verloren, manchmal mehrere. Die immer noch wohlhabende Bourgeoisie schickte ihre Söhne ins Ausland oder sicherte ihnen Unabkömmlichkeit zu Hause. Die wirtschaftlichen Schäden waren enorm, ebenso die Zahl der Kriegskrüppel.

Dagegen erfüllte sich Saddams Hoffnung auf internationalen Rückhalt vollständig. Er galt als laizistisches Bollwerk gegen die islamische Flut, bevor er später zum „neuen Hitler“ mutierte. Erlauben Sie mir bitte an dieser Stelle eine persönliche Bemerkung: Ich habe während meiner langen Beschäftigung mit dem Nahen Osten viele neue Hitler erlebt, angefangen beim ägyptischen Präsidenten Abdel Nasser über den Libyer Kadhafi bis zur jüngsten Inkarnation Ahmadinedschad. Wieder zur Sache. Der Weltsicherheitsrat sah in dem irakischen Angriff keine Gefahr für den Frieden und brauchte mehr als zwei Jahre, um einen Truppenrückzug beider Seiten, ohne Verurteilung oder Schuldzuweisung, zu fordern. Als jedoch Saddam ein Jahrzehnt später Kuweit angriff, kam eine Resolution für den bedingungslosen Rückzug der Iraker binnen zwölf Stunden zustande. Waffen aus Ost und West bekamen die Iraker gegen Iran in unbegrenzter Menge, dazu grosszügige Kredite. Die französische Rüstungsindustrie lieferte für den Tankerkrieg im Golf 90 Prozent ihrer Exocet-Produktion. Frankreichs Luftwaffe lieh den Irakern sogar aus eigenen Beständen sechs der modernsten Mirage. Dagegen hatten es die Iraner äusserst schwer, Rüstungsmaterial zu erhalten. In schlimmen Engpässen halfen die Israeli aus, die besser wussten, wer ihr Feind war, und weniger leicht in den westlichen Fehler verfallen, die eigene Propaganda zu glauben. Die USA versorgten Bagdad mit Aufklärungsdaten. Der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld suchte Saddam auf einer Sondermission im Auftrag des Präsidenten auf, gerade als die Iraker ihre Giftgasteppiche über die vordringenden iranischen Truppen auf der Halbinsel Fao legten: Für das Publikum im Westen sind dies alles vergessene Rand-Episoden, für die Iraner die historische Lektion, dass sie sich im Ernstfall weder auf die UNO oder auf die Genfer Konvention noch auf die Weltmeinung, sondern nur auf sich selber verlassen können. (Text: Rudolf Chimelli)