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29. Juni 2005

Zur politischen Philosophie des islamischen Fundamentalismus

Emanual Sarkisyanz, Professor em. für Politikwissenschaft

Zusammenfassung

Von Mohammed bis Osama bin Laden
Der islamische Fundamentalismus aus der Sicht von Emanuel Sarkisyanz

Über das Thema "Zur politischen Philosophie des islamischen Fundamentalismus" referierte am 29. Juni 2005 vor der Gesellschaft für Außenpolitik in München der Politologe Professor Emanuel Sarkisyanz. Nach einem Rückblick auf Entstehung und Entwicklung des Islam seit dem 7. Jahrhundert ging der Gelehrte auf neuere geistliche Strömungen und politische Bestrebungen in dieser Religionsgemeinschaft ein, als deren konservativste er die auf der Arabischen Halbinsel (heute Saudi-Arabien) im 18. Jahrhundert von Mohammed Ibn Abd Al Wahhab gegründete Richtung der Wahhabiten ausmachte. Sie wird von der Dynastie Saud, die seit 1932 über das Königreich Saudi-Arabien herrscht, mit besonderer Härte vertreten. Sarkisyanz konstatierte eine Zunahme der wahhabitischen Theologie in der islamischen Welt; als eines der Zeichen dafür wertete er die Bildung der islamischen Bruderschaften in Ägypten, in einem Land, das sich stark laisiert hatte. Eine ausgedehnte Urbanisierung (Kairo) habe zur Entwurzelung breiter Schichten geführt. Die Erwartungen der in die Städte Abwandernden hätten sich nicht erfüllt, sodass sie ihre Hoffnungen umso stärker auf das Jenseits gerichtet hätten. Die Re-Islamisierung städtischer Eliten sei eine Bewegung gnostisch-mythischer Art; sie habe ein breites Fundament. Als Beispiel verwies der Referent auf den Gründer von al-Qaida, Osama bin Laden, den die wahhabitische Richtung inspiriert habe, im Unterschied zu den Taliban in Afghanistan, die ihren religiösen Hintergrund aus dem indischen Raum bezögen. Die Wahhabiten hätten aus einer Minderheiten-Situation heraus begonnen, doch in Saudi-Arabien, wo sich ihr Zentrum befindet, sei durch die großen Einnahmen aus dem Ölgeschäft eine Konsumgesellschaft entstanden, deren Spitzen in Luxus schwelgten. Doch gleichzeitig gelte die Scharia, der islamische Gesetzeskodex, und auf Abfall vom Islam stehe die Todesstrafe.

Der neue Fundamentalismus trage immer schärfere autoritäre Züge; Demokratie gelt als "Götzendienst", noch radikalere Positionen würden vertreten, wenn es um die Rechte der Frauen gehe. Vom islamischen Standpunkt aus, so der Referent, sei der Kommunismus positiv zu bewerten, weil der die Auflösung des Christentums fördere. Auf der anderen Seite habe der Kommunismus eine nivellierende Wirkung, weshalb er auf den Widerstand der arrivierten Schichten reffe. Die in Ägypten entstandene "Moslemische Bruderschaft" habe seit Präsident Nasser von den Behörden nicht unterdrückt werden können, sie breite sich vielmehr immer weiter aus, auch in andere arabische Länder. Osama bin Laden sei mit dem radikalen Islamismus durch aus Ägypten nach Saudi-Arabien geflüchtete Moslembrüder in Kontakt gekommen. Die Wirkung des erst vor kurzem aus dem Gefängnis im Sudan entlassenen Islam-Ideologen Hassan al-Turabi beruhe vor allem auf dem Krieg des (islamischen) Regimes gegen Animisten und Christen im Süden des Sudans. Moskau wiederum sehe wahhabitischen Einfluss in Mittelasien und in Tschetschenien am Werk. Die zündende Botschaft des islamischen Fundamentalismus sei der Kampf gegen Unterdrückung, doch Gerechtigkeit erwarteten die Massen erst vom Erscheinen des Imam. Die großen Erschütterungen sah Sarkisyanz nicht im Iran, sondern in Saudi-Arabien kommen: "Die Zusammenarbeit der USA mit Saudi-Arabien wir früher oder später explodieren", sagte der Referent. Aber vom immer wieder behaupteten Untergang des Abendlandes als Folge der islamischen Fundamentalismus wollte er nichts wissen. (Die Veranstaltung wurde vom 2. Vorsitzenden der Gesellschaft für Außenpolitik, Prof. Dr. Gottfried-Karl Kindermann, moderiert.) (Text: Josef Riedmiller)